Entlang der Bode · Neuwerk
Neuwerk – Krockstein, Grasedanz und Harzer Platt
Caspar David Friedrich skizzierte am Krockstein, Harzschützen klopften ihr geheimes Zeichen auf den Tisch, und beim Grasedanz haben die Frauen zwei Tage lang das Sagen.
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Das Harzgebirge im Allgemeinen und Neuwerk im Besonderen ist Malerkulisse seit Jahrhunderten und zwar eine der großartigsten in Mitteldeutschland, was viel zu wenig bekannt ist. Seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert kamen die Künstler auf der Suche nach romantischen Motiven immer zahlreicher hierher. Reizvolle Fleckchen finden sich überreichlich. Da ist der romantische Krocksteinfelsen, an dessen Flanke hoch über der Bode einst roter Marmor gewonnen wurde, um in der unterliegenden Marmormühle sogleich zu Säulen, Tischplatten, Fensterbänken, Grabmalen Denkmälern oder Tabaksdosen verarbeitet zu werden. Berge, Klippen, Täler, Wälder – alles da. Viele Maler haben in diesem wildromantischen Winkel gemalt und wenn auch nicht Bilder von Weltgeltung hier entstanden, so suchten und fanden doch viele von ihnen hier Inspiration und Anregung.
Ludwig Richter durchwanderte den Harz auf der Suche nach Harmonie von Mensch und Natur im Spätsommer 1836. Caspar David Friedrich hat 1811 mehrere Skizzen von alten Bergbaustollen im Krockstein angefertigt, die verdächtig ähnlich in seinem Gemälde „Grabmale alter Helden“ von 1812 wiederzufinden sind. Das Original ist heute in der Hamburger Kunsthalle zu bewundern. Solche Beispiele gibt es einige, kein Wunder, lädt der schroff zur Bode abfallende Krockstein doch gerade die sich der Faszination der Natur hingebenden Romantiker zum Zeichnen oder Malen ein.
Die Idylle und Harmonie des Natureindrucks hier stehen jedoch in schreiendem Gegensatz zu den Realitäten vergangener Jahrhunderte. 1626 brennen Tillys Truppen Neuwerk nieder. Harzschützen, eine frühe Form von einheimischen Partisanen, übten daraufhin Vergeltung. Die Grausamkeiten steigerten sich beständig. Der Fahrweg von Neuwerk nach Hüttenrode heißt noch immer Gramsegrund, abgeleitet von Grausamer Grund! Die Gewaltorgien des Dreißigjährigen Krieges müssen im Harz ein Ausmaß angenommen haben, wie es sonst nur noch zum Kriegsende 1945 hier oben im Gebirge stattgefunden hatte. Als die Harzschützen immer erfolgreicher wurden, kam es zu drastischen Strafaktionen und wo die kaiserlichen Söldner einen fangen konnten, ließen sie ihn über die Klinge springen. Da wurden sie dann heimlicher. Um sich in der Fremde untereinander erkennen zu können, wurde im Wirtshaus mit dem Mittelfingerknöchel wie zufällig auf die Tischplatte geklopft. Ein Erkennungszeichen! Das hat sich bei den Harzern bis auf den heutigen Tag gehalten. Wer nicht mitklopft, gehört bestimmt nicht dazu.
In den darauffolgenden Jahrhunderten verlief das Leben in dem 170-Seelen-Ort bedeutend ruhiger, man ging der Waldarbeit nach, baute am Stahlberg Eisenerz ab und verhüttete es an Ort und Stelle. Die abgelegene Lage, fern aller Durchgangsstraßen, führte dazu, daß sich das Harzer Plattdeutsch in einer lokalen Sprachinsel behaupten konnte. Man hält hier gern an alten Traditionen fest und so ist das auch mit den einzigartigen Frauenfesten von Hüttenrode und Neuwerk. Seit weit über 150 Jahren gibt es dieses Fest in einigen Harzdörfern, seit 1920 nur noch allein in diesen beiden Nachbarorten. Seit 2020 ist der Grasedanz im Harz in das Nationale Kulturerbe der UNESCO aufgenommen, gilt folgender ritualisierter Ablauf; der am geringfügig abweichenden Hüttenröder Beispiel hier dargestellt werden soll:
Zwei Tage gilt Frauenrecht. Wo gibt es so etwas? In den Harzdörfern Neuwerk und Hüttenrode, dort jedes Jahr im Hochsommer. Und das schon seit 1880, als der Grasedanz erstmals erwähnt worden ist. Heute ist er auf jeden Fall eines der schönsten Brauchtumsfeste des Harzes mit ganz praktischem Hintergrund. Frauen und Mädchen zogen von jeher mit Sichel und Tragekorb auf die Bergwiesen, um Futter für Kuh und Ziege zu holen. Im Spätsommer dann fiel ihnen die Hauptarbeit beim Heumachen zu. Der männliche Teil der Einwohnerschaft arbeitete vielfach im Bergbau unter Tage. Dort waren 10 Stunden Schichtzeit keine Seltenheit. Da die meisten nebenher noch eine bescheidene Landwirtschaft betrieben, mußten bei Abwesenheit der Männer eben die Frauen viele Arbeiten zusätzlich übernehmen. Als Entschädigung entstand das Heuerntefest, der Grasedanz, von Frauen und Jungfrauen veranstaltet. Nur von 1940 bis1949 gab es keinen Grasedanz. Sonst ging und geht er so: Am Sonnabend laufen letzte Vorbereitungen. Sonntag übernimmt Frau Hauptmann die Macht. Mädchen und junge Frauen bringen mit Heu gefüllte und mit Blumen reich geschmückte Kiepen auf den traditionellen Festplatz, in Hüttenrode die Meine oder in Neuwerk der Hütteplatz. Dort überwacht Frau Hauptmann das Ausbringen und Schmücken der Heuhaufen. Per Los wird die Grasekönigin bestimmt. Das ist sicher nicht das pure Glücksspiel, denn sie hat Aufgaben zu erfüllen und muß wohl auch Königin sein wollen. Zur alten Tradition kam in Hüttenrode eine neue – seit 1995 wird auch die Heuprinzessin gewählt. Wie die Königin muß auch sie eine Einheimische sein und zeigen: Hier in diesen Harzdörfern kann auch die Jugend etwas werden. Nach Festumzug, Heuversteigerung und Tanz beginnt der Montag mit dem Hakkelsfrühstück auf dem Festplatz, auch so eine Zeremonie, die die Leute zusammenbringt. Später lädt die Grasekönigin den Hofstaat zur Kaffeetafel bei sich zu Hause, und – dann geht es auch schon in Richtung des nächsten Grasedanzes. Für die Grasedanzhelfer folgt der schwere Dienstag …
Die Bode drängt weiter. Mächtige Steinbrüche säumen rechts und links des Flußlaufes das Ufer. Diabas wurde hier bis 1967 abgebaut, ein grün-graues basisches Tiefengestein mit sehr hoher Dichte. Der Name müßte eigentlich „Diabase“ lauten, da er als Synonym für „Gestein mit zwei Basen“ steht.
Das stillgelegte Anschlußgleis zwischen den Diabas-Brüchen und der Rübelandbahn kann mitsamt Tunnel und alter Brücke noch bewandert und besichtigt werden.
In Fließrichtung links kommen wenig später auffallend große Schiefersteinbrüche ins Blickfeld; hier wurde jahrhundertelang der bekannte Hüttenröder Dachschiefer gewonnen. Noch eine Flußbiegung, dann kommt rechtsseitig zum ersten Mal das gewaltige Bauwerk der Rappbodetalsperre in Sicht.
Aus dem Buch: Wunder verbinden, S. 75–78

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