Entlang der Bode · Königshütte
Königshütte – Hier fließt zusammen, was zusammengehört
Warum die Warme Bode eigentlich nur im Hochsommer wärmer ist als ihre Schwester und weshalb bei Königshütte Bodewasser durch einen Stollen in ein anderes Tal reist.
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Am Zusammenfluß mit der Warmen Bode bei Königshütte hat die Kalte Bode bereits 400 Höhenmeter verloren. Sie ist kürzer und schneller als ihre Gevatterin Warme Bode, die insgesamt 23 Kilometer hinter sich hat und in Höhe von ca. 440 m ü. NHN zur Vereinigung eilt.
Der Namensstamm „Bode“ – in vielen Varianten – ist seit dem 8. Jahrhundert bezeugt; auch Wormbode. „Kalte Bode“ dagegen könnte ein mißverstandener Gegensatz dazu sein. Es gibt Untersuchungen zur Namensherkunft des Flusses in alter Zeit. Er veränderte sich bis heute kaum. Bode (936), Bodam (964), Bode (965), Nuda (965), Badam (968), Boda (979), Bode (983), Bodam (983), Badam (994), Bodam (zwischen 1012 und 1023), Bode (1134), Botam (zwischen 1159 und 1162), Bodam (1205).
Der Zusammenfluß bringt nun auch eine wohltuende Bereinigung des Namenswirrwars, denn ab jetzt spricht die Landkarte ganz schlicht von „Bode“. Am Zusammenfluß beider Bode-Stränge erkannten unsere Vorfahren ein Temperaturphänomen, was zu der ungewöhnlichen Namensgebung führte. Die „Warme Bode“ ist im Sommer zwei bis drei Grad wärmer und im Winter um denselben Betrag kälter als ihre Nachbarin.
Die Erklärung: Der längere und langsamere Lauf der Warmen Bode, zumal über viele ungeschützte freie Flächen, führt im Sommer zu größerer Aufheizung; im Winter zu größerer Abkühlung.
Die Namensgebung „Warme Bode“ gilt also strenggenommen nur für den Hochsommer. Mit der Vereinigung beider Bode-Schwestern enden auch die Jugendbetten der beiden Zuflüsse. Unsere Altvorderen, die mit teils verheerenden Hochwässern leben mußten, haben ab hier den passenderen Namen „Wilde Bode“ für den geeinten Fluß beigelegt, denn bis 1959 war die Angst vor plötzlichen Hochwässern zum Leben in den Bode-Dörfern ja ständig präsent!
Mit Betriebsaufnahme des Bodewerkes war diese jahrhundertelange Geißel endlich gezähmt. Königshütte wurde als Standort einer der sechs Sperren des Bodewerkes auserkoren. Um diese von 1952-1956 errichtete Sperre hat es in der Planungsphase besonders viele Diskussionen gegeben. Das rührt aus ihrer sehr speziellen Aufgabenstellung her, die erstens eine definierte Lage und zweitens eine abgestimmte Mauerhöhe beinhalten mußte.
Der erste Plan einer Talsperre im Bodegebiet beinhaltete nur eine sehr hohe Mauer bei Thale. Der Bauunternehmer Arnecke plante nur zu seinem Nutzen; die Zerstörung des lieblichen Bodetals war ihm herzlich egal. Als sich die Wogen der Empörung über Arneckes landschaftszerstörerischen Plan gelegt hatten, war im nachfolgenden Entwurf von 1898 erstmalig eine Wasserüberleitung von einem Tal zum anderen vorgeschlagen worden. Diesem Zweck dient das Überleitungsbecken Königshütte. Durch eine nahezu konstante Stauhöhe ist das Einströmen von Bodewasser in den Stollen ununterbrochen gewährleistet. Gleichzeitig übernimmt diese Sperre auch den Hochwasserschutz für Rübeland und Neuwerk.
Es gibt in Königshütte bei Kilometer 40 des Hexenstieges einen künstlichen, aber beeindruckenden Wasserfall; 15 Meter ist er hoch. Wenn der im Winter vereist und eingefroren ist, wirkt er noch märchenhafter, noch romantischer. Am davorliegenden Grillplatz könnte sich der frostgeplagte Besucher – Königshütte ist ein Kältepol des Gebirges –an einer im heißen Fett zischenden Bratwurst erwärmen; wenn man eine hätte.
Doch Königshütte sorgt auch anderweitig für Wärme, indem hier seit langer Zeit Öfen hergestellt werden. Hauptsächlich lebt der Ort von den benachbarten Kalkwerken.
Auch an grusligen Sagen mangelt es nicht, so wie die vom jungem Burschen, der auf der Höchte – manche sagen auch Hechte, ein Teil der heutigen Bundesstraße 27 – von Elbingerode nach Rothehütte noch abends über Land ging und unterwegs von einem unheimlichen Männecken mit brüniertem Wanderstock aus Eisen angesprochen wurde. Der Alte bat ihn den Wanderknüppel zu halten, allein aus Mißtrauen verweigerte der Bursche das. So hatte er nach Meinung der anderen Königshütter leichtfertig sein Glück verspielt. Der glückbringende Eisenmann spielt auch eine Rolle bei der Sage um die Brennessel, speziell der neunten Nessel. Die soll bei Blutmond im Teichtal wachsen und wer sie pflückt, hat das ganze Jahr über Glück.
Nachdem das Gebiet des größten Gefälles überwunden ist, setzt die Bode südlich des Bockberges (496 m ü. NHN) ihren Weg auf ca. 430 m ü. NHN innerhalb der Bode-Hochfläche fort. Im weiteren Verlauf in östlicher Richtung durch die Überleitungssperre Königshütte, den Tonschiefer und die Quarzitblöcke der Blankenburger Faltenzone fließt die Bode mit mäßigem Gefälle weiter schwappernd, schunkelnd und schamfiedelnd in Richtung Rübeland 398 m ü. NHN).
Wasser widersteht nicht. Wasser fließt. Wenn du deine Hand hineinsteckst, spürst du nur ein Streicheln.
Margaret Atwood
Aus dem Buch: Wunder verbinden, S. 61–64

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