Entlang der Bode · Bodetal
Das große Abenteuer der Bode: Felsen, Eiben und der Kästenfall
Zwischen Treseburg und Thale gräbt sich die Bode in den Grand Canyon des Harzes – mit Feuersalamandern, Mufflons und der uralten Humboldt-Eibe im Kästental.
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Die Passage von Treseburg bis Thale ist für Wanderer beinahe schon eine Expedition. Der Fluß verläßt das kleine Dorf und gleich darauf begibt sich die Bode wieder in eine ihrer großen Schleifen. Immer höher werden die Talwände links und rechts. Borkenkäferfraßbedingt sind die Hänge von Fichtenwäldern entblößt, was schlecht für das Gemüt des Harzbesuchers ist; doch werden nun Felsformationen sichtbar, was gut für den geologisch interessierten Natur- und Heimatfreund ist.
Kurz bevor das malerische Bodetal seinen urwüchsigen Charakter annimmt und die Bode zwischen schroffen Felswänden sich brausend und zischend ihren Weg bahnt, zeigt sich das Tal dem Betrachter in seiner ganzen Schönheit. Ab der Einmündung Kästental kann man nur noch wortlos staunen: Diese Formen! Diese Dimensionen! Die Bode tritt hier in die schönste Katastrophe ihres Daseins. Ein großartiges Naturschutzgebiet – seit 1928 – mit steilsten Hängen und Klippen tut sich auf. Die harten Felsen stürzen fast senkrecht zur Talsohle herab. Infolge der Flußkrümmungen schieben sich die Felswände mit Klippen und Baumbeständen kulissenartig gegeneinander vor.
Wie kam Mutter Natur dazu? Wenn man Teufels- und Hexenwerk mal beiseiteläßt, liefert der Geologe die nüchtern-korrekte Erklärung. Über die Tiefebene der Tertiärzeit floß die Bode in großen Windungen. Als der Harz im Tertiär erneut gehoben wurde, konnte die Bode diese Windungen nicht verlassen, sondern mußte sich der Hebung entsprechend immer tiefer einschneiden. Der feste Granit und die ebenfalls festen Kontaktgesteine blieben dabei steilwandig und in Form zahlreicher Felsnadeln stehen. So müssen wir das canyonartige Bodetal zwischen Treseburg und Thale als Ergebnis der Flußeintiefung, der Erosion, und der Hebung des Harzes, Tektonik, verstehen. Dieser ewige Wettkampf wird entscheidend von der Beschaffenheit des Gesteins beeinflußt.
Flußabwärts bahnt sich die Bode jetzt ihre Talpassage durch den engsten und wildesten Abschnitt. Viele Harzbesucher meinen mit „Bodetal“ genau diesen Abschnitt von Treseburg bis Thale. Zehn Kilometer, die den Wanderern einiges an Kondition abnötigen und den Schuhen manch ehrenvolle Narbe zufügen. Nein, romantisch ist es hier beileibe nicht, eher brutal in den monumentalen Dimensionen der Granitmassive und modrig dumpf in der Klamm. Der Grand Canyon Deutschlands ist indessen alles andere als einsam, vor allem je näher man Thale kommt. Die Förderung des Tourismus zeitigt Erfolge. Alle Stämme Deutschlands sind hier vertreten; manche wandeln, manche wandern.
Nach warmen Regenfällen sieht man oft possierliche, schwarz-gelbe Gesellen an Klippen und Steinen. Waidmannsheil! Es sind Feuersalamander, die gelegentlich auch Regenmännlein genannt werden. Faunistisch hervorhebenswert ist auch der hier lebende Eisvogel und eine Mufflonpopulation. Diese Wildschafe aus Korsika sind im Ostharz heimisch geworden, müssen sich allerdings seit einigen Jahren zunehmend des hungrigen Luchses erwehren.
Bemerkenswert ist das rechtsweisende Kästental vor allem wegen seines seltenen botanischen Inventars; dieses Bode-Seitental ist ein Refugium von mindestens 400 Exemplaren der selten gewordenen Eiben. Deren ältestes Exemplar bringt es auf geschätzte 1000, vielleicht sogar 1500 Jahre und ist unter dem Namen Humboldt-Eibe bekannt. Naturforscher Alexander von Humboldt gebrauchte im Zusammenhang mit diesem gewaltigen Baum 1819 zum ersten Mal die Bezeichnung „Naturdenkmal“ – Monument de la nature. Unweit dieses uralten Baumrecken bietet das Kästental auch einen sechs Meter hohen Wildwasserfall. Der Name könnte eine Verballhornung von Queste sein, der Begriff begegnet uns beim Questenfest im Südharzer Questenberg wieder. Der Kästenfall ist der schönste natürliche Wasserfall des Harzes; alle größeren und touristisch bekannteren Fälle im Harzgebiet sind sämtlich anthropogenen Ursprungs. Gleich nachdem die Bode auch den Dambach mitreißt, umströmt sie den nackten Felsen am alten Silberschacht, wo nach bergmännischer Harzsage der grollende Talzwerg als Herr der Gegend in Gestalt einer großen Brummfliege den Holzhauer und Jäger schreckt.
Immer wieder stellt sich dem modernen Menschen – allem Tourismus zum Trotz – der gleiche Effekt beim Wandern im Harz ein. Die Berge, die Wälder und die glasklaren, teilweise reißenden Bäche, die Seen und Stauseen – aber vor allem: Ruhe! Nichts zu hören, außer dem leisen Wind, dem Summen der Insekten und dem Zwitschern der Vögel. Selbst Berufswanderer attestieren dem Harz größte Einsamkeit und Ruhe im Vergleich zu anderen deutschen Mittelgebirgen.
Aus dem Buch: Wunder verbinden, S. 195–199

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