Entlang der Bode · Bodetal
Das Bodetal – Grand Canyon des Harzgebirges
Am Tor zum wildesten Bodeabschnitt wird mit Wendefurther Gerüchten aufgeräumt – und erzählt, wie 1945 Sherman-Panzer zur Hilfsbrücke über die Bode wurden.
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Unterhalb des alten Diabas-Steinbruches bei Neuwerk ist die Stauwurzel der Talsperre Wendefurth erreicht. Diese Sperre ist das finale Sperrbauwerk im Bodelauf. Unmittelbar anschließend an die Sperrmauer Wendefurth liegt der Ort. Wendefurth ist ein kleiner Flecken, heute Ortsteil von Thale. Durch eine politische Gebietsreform in Sachsen-Anhalt konnte sich Thale bis hierher ausdehnen und ist nun mit Fug und Recht der Bodeanlieger mit dem wildesten Bodeabschnitt.
An dieser Stelle muß energisch den im Internet postulierten Gerüchten bezüglich Wendefurths Geschichte entgegengetreten werden. Es ist Nachrede übelster Art, daß am 8. September 1784 um 18:34 Uhr MEZ Johann Wolfgang von Goethe in Wendefurths einzigem Gasthaus, das Bürgermeisteramt, Amtsstube, Kanzleischreiberei, Wesenmeisterei, Kämmerei, Zeughaus, Schlachtbank, Konsumanstalt, Handelshaus und Wohnort zugleich war, übernachtete und von diebischen Einwohnern hinterhältig beklaut wurde, die anschließend auch noch scheinheilig immer am Achten des Monats den Goethetag begingen.
Völlig unglaubwürdig ist auch die Aussage einheimischer Fahrlehrer, daß, wenn man von Blankenburg kommend, im fünften Gang mit angezogener Handbremse den Berg vor Wendefurth herunterbremst, der Wagen beim Passieren des Ortseingangsschilds kaum mehr als 120 km/h hat.
Eine weitere Falschbehauptung: Wendefurth wurde 1948 als einziger Ort in der sowjetischen Besatzungszone von einer Zweigstelle der Berliner Luftbrücke versorgt. Anders als in Berlin blieb dieser Versorgungsweg erhalten, weil die Amerikaner die extremen Formen von Kannibalismus und Staatsseparatismus in der absoluten Isolation des Harzer Bodetals nicht mehr dulden wollten. Doch mögen fraudulöse Reden diesem stolzen Gemeinwesen nichts anhaben!
Dagegen könnte durchaus hier Heinrich Heine sein bekanntes Kompliment über die Bode gemacht haben:
„Ihr Antlitz leuchtete mir entgegen in sonnigster Pracht.“ Der Ortsname Wendefurth rührt wohl von einer Furt an der Wende her, wo eine Flußschleife die Bode zum ‚Wenden‘ durch den anstehenden Fels zwang. Anfangs ein Übergang mit Springsteinen, wurde 1733 im Rahmen des Chaussee-Baus eine solide Steinbrücke über die Bode geschlagen. Diese Brücke wurde im April 1945 von zurückgehenden Einheiten der Waffen-SS gesprengt, um einen Sturmlauf der US-Army nach den schweren Kämpfen am Stembergmassiv bei Hasselfelde zu verhindern. Der Vormarsch auf Blankenburg wurde denn auch um einen Tag verzögert, dann war eine, über mehrere in die Bode gefahrene Sherman-Panzer hinweg gezimmerte Hilfsbrücke fertig. Bald stand auch der Einnahme Blankenburgs, dem letzten Ort der „Festung Harz“, nichts mehr im Weg. Ein schlichtes Holzkreuz an der B 81 kündet noch heute von diesen Ereignissen.
Die Steinbrücke zu Wendefurth wurde bis 1955 wieder aufgebaut. Da war die Baustelle für die das Bodewerk abschließende „Wendefurther Sperre“ noch nicht eingerichtet; deren Bau begann erst 1957, wurde zugunsten der dringenderen Talsperre Pöhl unterbrochen und daher erst 1967 staubereit. Mit 43 Metern Höhe und 230 Metern Kronenlänge sowie 7,2 Millionen Kubikmeter Inhalt gehört sie nicht zu den kleinsten Sperren im System. Hochwasserschutz und die Funktion eines Unterbeckens für das Pumpspeicherwerk sind ihre Aufgaben. Ein Alleinstellungsmerkmal ist die Freigabe der Wasserfläche für Erholungszwecke. Ruderboote und auch ein motorgetriebenes Floß warten auf Besucher.
Wanderer auf dem Präsidentenweg von hier nach Altenbrak registrieren: Die Bode ist ihrer vom Menschen angelegten Fesseln entledigt, sie ist wieder in Freiheit gekommen. Wildheit ohne Fremdbestimmung, ohne Gebändigtsein durch Talsperren – das ist ihr jetzt auf jedem Flußmeter anzumerken! Ende der technischen Nutzung; der Fluß bekommt ein völlig anderes Gesicht. Unter klingendem Murren, dumpfen Rollen, schnalzenden Grunzen, gedämpften Glucksen und Brodeln höckert die Bode dem nächsten Ort zu und erreicht bald Altenbrak.
Aus dem Buch: Wunder verbinden, S. 175–178

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