Sagen aus dem Harz · Gegensteine
Der Teufelshund unter den Gegensteinen
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Nördlich von Ballenstedt erheben sich auf einer mäßigen Anhöhe zwei einzeln stehende Felsen als Fortsetzung der Teufelsmauer. Hier sollen böse Geister hausen, welche bald als feurige Kugeln, bald als hüpfende Flammen den Menschen erscheinen, um sie herumzuziehen und zu verderben. Wer sich verleiten lässt, in die Nähe dieser unheimlichen Wesen zu gehen und ihrem Treiben zuzusehen, der verschwindet für immer. Vor vielen, vielen Jahren, als Ballenstedt noch ein kleines Dorf war, ritt ein Bauersmann von dort nach Quedlinburg. Unterwegs schlief er ein, denn die Sonne brannte trotz der frühen Tageszeit schon sengend hernieder. Das Pferd merkte bald, dass es nicht mehr geleitet wurde und ging seines Weges. So irrte es grasend immer weiter von der Landstraße ab.
Endlich erwachte der Bauer und schaute verwundert umher; denn die Gegend, in der er sich befand, war ihm ganz fremd. Nie hatte er in der Nähe Ballenstedts diese mächtigen Felsen, nie den undurchdringlichen Wald gesehen, der sich in ihrer Nähe dehnte. Ratlos blickte er umher, um einen Ausweg aus der Wildnis zu suchen, als er vor sich in dem Felsen eine Höhle gewahrte. Er stieg vom Pferd und näherte sich furchtsam der Höhle. Als er zaghaft hineinsah, war er geblendet – fand er doch einen großen Braukessel voller Goldstücke darin. Vor demselben lag eine silberne Tafel, mit Karfunkeln eingefasst und mit Zeichen bedeckt, welche aus blinkenden Edelsteinen gebildet waren. An den Kessel gelehnt stand eine prächtige Fuhrmannspeitsche, welche dem Bauern ganz besonders in die Augen stach und die er sicher gleich an sich genommen hätte, wenn – wenn nicht ein hässlicher schwarzer Hund mit glühenden, rollenden Augen in der Höhle gelegen hätte.
Das Gold blinkte so verführerisch, dass der Bauer sich nicht enthalten konnte, es ein wenig näher zu besehen. Als er dicht neben dem Braukessel stand und der unheimliche schwarze Wächter sich gar nicht darum zu kümmern schien, fasste er sich ein Herz, holte schnell eine Handvoll Gold aus dem Kessel und lief rasch aus der Höhle. Wie glänzte das Gold in der Sonne, wie reich, wie glücklich fühlte sich unser Bäuerlein! Aber die schöne Peitsche hatte er vergessen und die musste ihm um jeden Preis gehören.
So schritt er noch einmal in die Höhle hinein und nahm die Peitsche zu sich. Dabei fielen seine Blicke wieder auf das Gold, das ihn noch mächtiger als vorhin anzog. Er wagte, jetzt schon kühner geworden, noch einen Griff: da fletschte der schwarze Hund die Zähne und glühender rollten seine Augen.
Aber den Bauersmann hatte das Gold fast toll gemacht! Alle Furcht war vergessen, er sah nichts um sich her und habgierig griff er zum drittenmal in den Kessel. Da erhob der Hund ein furchtbares Geheul, das von allen Bergen grollend wiederhallte; Blitze zuckten und Feuerstrahlen fuhren aus den Augen des schrecklichen Tieres. Die ganze Erde schien zu beben und finstere Nacht verbreitete sich ringsumher. Der Bauer wusste nicht, wie ihm plötzlich geschehen; denn, gelähmt von Schreck, war er dennoch irgendwie aus der Höhle gekommen und schaute sich nun entsetzt um. Wald und Berge waren verschwunden, nur zwei Felsklippen erhoben sich vor seinen Blicken. Langsam kam ihm die Erinnerung an das eben Erlebte zurück.
In demselben Augenblick, als der Hund das furchtbare Geheul ausgestoßen hatte, war der Teufel aus der Tiefe emporgestiegen, hatte den Braukessel und die magische Tafel ergriffen und war, umgeben von einer Menge kleiner Teufel, hohnlachend emporgefahren. Dann hatte der Böse den Felsen mit einem Fußtritt in zwei Teile gespalten und war mit seinem Gefolge wieder darin verschwunden. Im Innern der einen Felsklippe hatte es dann geklungen, als wenn Goldstücke von Stufe zu Stufe in die Tiefe fielen. Jetzt war der Himmel wieder klar und heiter. Ringsumher herrschte lieblicher Friede. Der Bauersmann stand noch immer da mit wüstem Kopfe und schwerem Herzen und konnte sich nicht erholen von dem furchtbaren Schreck. Die Peitsche hielt er in der Hand, und jetzt fühlte er auch, wie seine Taschen, in die er das Gold gesteckt, so schwer herabhingen, dass ihn die Last zu Boden zog. Gierig griff er hinein, um sich an dem Anblick des Besitzes zu erfreuen und darüber die ausgestandenen Qualen zu vergessen. Aber, o weh, statt des Goldes hatte das Bäuerlein lauter Kieselsteine in der Hand. Der Bauer fühlte sich so unglücklich und elend, dass er nur mühsam seinen Weg nach Hause reiten konnte. Gebrochen an Leib und Seele kam er hier an, und der Gedanke, dass er des Teufels Gut berührt und den Bösen gesehen hatte, quälte ihn so sehr, dass er schon nach wenigen Tagen starb.
Die zerspaltene Felswand aber sind die Gegensteine, von denen der eine der laute, der andere der stumme genannt wird. In dem lauten sitzt der Teufel und ruft den Wanderern ihre Worte nach.
Aus dem Buch: Die schönsten Sagen aus dem Harz, 3. Auflage, S. 101–106

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