Die Sage von der Entdeckung der Baumannshöhle

Illustration Luise Bussert, "Die schönsten Sagen aus dem Harz"

Noch vor dem großen Krieg, der die deutschen Lande verwüsten sollte, lebte in Rübeland ein Bergmann mit Namen Friedrich Baumann. Das war ein junger, kräftiger Mann, und er strebte danach, aus Dürftigkeit und Armut irgendwann zu Wohlstand und Ansehen zu gelangen. Aber immer noch herrschte Mangel im Hausstand des jungen Bergmanns, und deshalb verfiel er auf die Idee, unter der Erde nach verborgenen Schätzen zu suchen. Sein Vater, der vor einigen Jahren beim Einsturz eines Bergwerkes ums Leben gekommen war, hatte ihm des öfteren von den verborgenen Silberadern im Fels erzählt.

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Tag um Tag, Woche um Woche schlich der Bergmann einsam in den Felsen umher – und dann fand er im dichtesten Gebüsch eine Felsenspalte! Er hatte den Eingang zu einer Höhle entdeckt, die er auf eigene Faust erkunden wollte. So stieg er, ausgerüstet mit seinem Grubenlicht, abends allein in den Berg. Um den Ausgang wiederzufinden, hinterließ er anfangs an den Wänden Markierungen und stellte von Mal zu Mal eine Fackel auf.

Dann ging es weiter, immer weiter hinein in das Höhlenlabyrinth. Noch brannte sein Grubenlicht hell. In dessen Lichtschein sah er Zauberhaftes: funkelnde Traumwelten aus Stein und Wasser – nach einer gewagten Kletterpartie erreichte er eine besonders weitläufige Grotte mit einem kleinen See darin. Und überall bemerkte er glitzernde Zapfen, die von den Höhlendecken herab wuchsen, oft mehrere Ellen lang – und vom Boden warfen sie sich ebenso auf wie seltsame Berggeister, Gnome und Zwerge.

Über einen dieser Zapfen aber stolperte Baumann, und sein so unersetzliches Grubenlicht erlosch. Die Fackeln waren längst niedergebrannt – undurchdringliche Finsternis umgab ihn. Wo waren die eingeschlagenen Zeichen an den Wänden? Als Blinder tastete er sich mit Händen und Füßen durch die Gänge, änderte die Richtung, und wieder, und blieb irgendwann erschöpft liegen.

Wieder aufwachend, tastete er sich weiter. War es ein neuer Tag? Den Brotkanten hatte er schon längst verzehrt, und nun begannen ihn der Mut und die Kraft zu verlassen. Doch immer weiter quälte er sich in den Schlünden der Höhle. Als er erneut einschlief, sah er sich im Traum als Bub mit seinem Vater zur heimatlichen Hütte wandern, aber als er aufwachte, wartete er auf Gevatter Tod. Für jedes weitere Suchen fehlte ihm die Kraft.

Da, von fern, ein schwacher Lichtstrahl! Mit letzter Kraft schleppte sich der Bergmann darauf zu und kroch durch die schmale Felsspalte zurück in die Oberwelt. Friedrichs Freunde fanden den zu Tode Geschwächten ohnmächtig vor dem Höhleneingang und brachten ihn zur Mutter in die heimatliche Hütte. Nach weiteren drei Tagen kam der Tod zu Friedrich Baumann. Aber zuvor wachte der Bergmann noch einmal aus seinen wirren Träumen auf, und er erzählte in stockenden, doch klaren Worten von den Merkwürdigkeiten, die er gesehen.

Die Glocken läuteten, das Grab wurde geschaufelt – aber in der Höhle fand man alles so vor, wie es der Bergmann in seinen letzten Worten beschrieben hatte. Ein späterer Besucher soll sogar eine Schatztruhe in der Höhle gesehen haben. Aber die wurde von einem fürchterlichen schwarzen Hund bewacht – mit glühend rollenden Augen und einem Wolfsgebiss.

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