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Sagen aus dem Harz · Burg Falkenstein

Der Ring des Falkensteiners

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Der Ring des Falkensteiners

Vor vielen Jahren thronte auf hohem Felsenberg die Burg Arnstein. Alle Wanderer blickten mit Angst und Furcht auf die Feste, denn ihr Herr, der Graf von Arnstein, stand weit und breit im übelsten Ruf. Er war ein grausamer, wilder Mann, der nur danach trachtete, seine Reichtümer zu vermehren und deshalb besonders den Kaufleuten höchst gefährlich war, die er bei seinen Beutezügen ins Verließ bringen oder töten ließ. Mehrfach war der Versuch gemacht worden, die Räuberburg zu stürmen; aber erfolglos; denn die Mannen des Grafen waren so wild und kühn wie er selbst, und sichere Mauern schützten die Burg vor jeder Einnahme.

Nur wenige Edle der Nachbarschaft versuchten dem Arnsteiner möglichst seine Raubzüge zu vereiteln. Er verfolgte sie deshalb mit furchtbarem Hasse; besonders dem Grafen von Falkenstein hatte er blutige Rache geschworen und wollte ihm Übles. Leider glückte ihm sein schlechter Plan. Eines Tages ritt der Sohn des Grafen von Falkenstein ohne Begleitung in den Wald. Da schlichen ihm die Arnsteiner unbemerkt nach, überfielen den Ahnungslosen und schleppten ihn gefesselt auf ihre Burg, wo er als Geisel in das schreckliche Gewölbe geworfen wurde.

Der einzige Trost der armen Gefangenen auf dem Arnstein war das Burgfräulein Beate – der einzige Sonnenstrahl, der in die schauerlichen Kerker drang.

Der Vater kümmerte sich wenig um sein liebliches Töchterlein. Nach dem Tode seiner ersten Gemahlin hatte er die Beschließerin der Burg geheiratet, eine böse Frau, die ihn nur zu immer schrecklicheren Greuelthaten anspornte. So hielten Raubzüge den Grafen und seine Gesellen oft tagelang fern.

An einem solchen Tage war Beate wieder hinabgestiegen, um den Gefangenen Trost zu bringen, als sie im Gewölbe den Ritter von Falkenstein erblickte, der dem jungen Mädchen sein Leid anvertraute. Tiefes Mitleid bemächtigte sich ihrer bei seinen Worten, und so oft sie es wagen konnte, stieg sie hinab zu ihm, der ihr Erscheinen wie das eines Engels begrüßte. Ritter Bruno sah, mit welcher Güte Beate den Gefangenen entgegentrat, er hörte, wie sie für jeden einen Trost, für jeden ein teilnehmendes Wort hatte. Bald zog innige Liebe zu diesem herrlichen Mädchen in sein Herz. – Und auch Beate fand großes Wohlgefallen an dem jungen Ritter. Und dieses verwandelte sich bald in die innigste Liebe. Dass der Geliebte im Verließ schmachten musste, machte sie tief unglücklich. Tag und Nacht sann sie auf einen Weg und einen günstigen Augenblick, um ihn zu befreien. Sie brauchte nicht allzu lange zu harren.

Ihr Vater kehrte eines Tages schwer verwundet von einem Raubzuge heim, seine Gattin war um ihn beschäftigt – und Beate wusste sich heimlich des Schlüssels zu einem Pförtchen zu bemächtigen, welches ins Freie führte.

Ihr Plan gelang. Unbeobachtet führte sie den Ritter Bruno von Falkenstein über den Hof und drängte ihn eiligst durch die Pforte. Doch der edle Jüngling bat sie immer dringlicher, mit ihm zu fliehen, um der Rache ihres Vaters zu entgehen. Wie gern wäre Beate mit ihm gegangen. Aber der Gedanke, dass dann die armen Gefangenen ohne jeden Trost wären, ließ sie seinen Bitten widerstehen. Schließlich drängte sie ihn mit übermenschlicher Kraft hinaus und bat ihn noch einmal, zu eilen. Nur wenn er selbst frei sei, könne er ihr Hilfe senden.

Bruno gab endlich Beatens Bitten nach, ergriff noch einmal ihre Hand, steckte einen Ring, den er bisher getragen, an ihren Finger und bat sie, in höchster Not der wunderbaren Kraft desselben zu gedenken. Dieser Ring war ein Vermächtnis des Geschlechts der Falkensteiner. Der Träger desselben, wenn er einst in höchster Not sich befände und menschliche Hilfe nicht mehr ausreiche, solle denselben nur dreimal am Finger drehen. Dann werde eine gute Fee sofort erscheinen, um Rettung zu bringen. Beate sah den jungen Ritter in der Dunkelheit verschwinden, die ihn den Augen der Verfolger entziehen musste, und beruhigt schloss sie die Pforte. Da traten ihr auch schon die Knechte des Vaters entgegen. Voran – o Schrecken! – schritt die Gräfin, die grausame Frau. Sie frohlockte, schwere Anklage gegen das Mädchen erheben zu können. Sofort eilte sie zum Grafen, erzählte ihm das Vorgefallene und wusste seine Wut so zu steigern, dass er befahl, man solle Beate in den Kerker werfen, aus welchem sie Bruno soeben befreit hatte. – Die Mutter fügte eigenmächtig den Befehl hinzu, Beate des Hungertodes sterben zu lassen.

Wie entsetzlich war für Beate der Aufenthalt in dem schaurigen Gewölbe! Nur ein matter Lichtstrahl drang durch die einzige kleine Öffnung des Gemäuers, Mit Schaudern sah sie dort, wo dieser Schimmer die umgebende Finsternis erhellte, alle die Greuel eines solchen Gefängnisses. Nach Verlauf zweier Tage erlag sie fast der Verzweiflung. Jetzt, als zum drittenmal die Nacht hereinbrach, quälte der Hunger sie so entsetzlich, dass sie sterbensmatt in die Kniee sank und die Hände rang. Plötzlich war da ein heller, goldiger Lichtstrahl – und eine silberhelle Stimme drang an ihr Ohr: »Du hast den Ring an Deinem Finger gedreht, und was ich einst versprochen, das halte ich. Deshalb komme ich auch zu Dir. Was Du duldest, sehe ich, und was Du wünschest, weiß ich; darum harre geduldig aus, Du Arme, ich werde Dich erretten.«

Wie die Sage ausgeht, steht im Buch „Die schönsten Sagen aus dem Harz“. Zum Buch

Aus dem Buch: Die schönsten Sagen aus dem Harz, 3. Auflage, S. 92–100

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Mit 33 farbigen Illustrationen der Harzer Künstlerin Luise Bussert.

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