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Sagen aus dem Harz · Kloster Walkenried

Der Zaubersaal von Walkenried

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Anmutig, von hohen Bergen umschlossen, liegt das freundliche Dorf Walkenried, dessen Häuser von der mächtigen Ruine des ehemaligen Cistercienserklosters Walkenried überragt werden.

Papst und Bischöfe verhießen allen denen, welche den Bau befördern halfen, reichen Ablass und Befreiung vom Fegefeuer; daher kamen denn Geld und Arbeiter von allen Seiten herbei. Dennoch aber trat nahe vor der Vollendung des prachtvollen Baus Geldmangel ein und die Mönche befanden sich in arger Verlegenheit. Da – erzählt die Sage – fuhr einst mitten in der Nacht ein von vier Pferden gezogener Wagen vor den Neubau, der bis zum Rande mit Geld und Kostbarkeiten angefüllt war. Der Kutscher war verschwunden und keiner wusste, woher die Hilfe kam. Einige meinten, Gott habe ein Wunder geschehen lassen, andere aber erzählten, ein reicher Bürger aus Goslar sei es gewesen, der den Wagen selbst nach Walkenried gefahren und, um nichts mitzunehmen, sogar die Peitsche an den Sattel gesteckt habe und zu Fuß heimgegangen sei. Nun konnte der Bau vollendet und geweiht werden. Dank der vielen Geschenke und freiwilligen Arbeiten war ein Kloster emporgestiegen, das zu den schönsten Deutschlands gerechnet werden konnte und welches mit der Zeit so im Ansehen stieg, dass die Äbte Bischofskleider trugen. Überall hatte Walkenried Besitzungen und Kapellen, aus denen es große Einkünfte bezog, und wenn die Mönche des Klosters nach Rom reisen wollten, konnten sie fast auf der ganzen Reise in ihrem Eigentum übernachten. Im Jahre 1525 brach der Bauernkrieg aus. Als die Bauern ankamen, zerstörten sie, was nur ihren Kräften weichen wollte, zerschlugen die Fenster mit den prächtigen Glasmalereien, zerrissen die vorgefundenen Ölgemälde, Bücher und Manuskripte. Dann kam die große Turmglocke daran; durch heftiges Läuten suchten sie dieselbe zu zersprengen, und als sie voller Zorn einsahen, dass auch hier alle Arbeit vergeblich, legten sie auf Rat eines Zimmermanns Ketten und Seile um die Turmspitze. Der Zimmermann hieb das Holzwerk durch, und mit vereinter Kraft wurde nun der ganze Turm mitsamt der Glocke herabgerissen. Allein der Zimmermann fand hierbei seinen Tod. Bei dem heftigen Sturz hatte der Turm das Dach der Kirche so sehr beschädigt, dass bald der Regen durchdrang, und da dasselbe nicht restauriert wurde, fiel schon nach wenigen Jahren der hohe Chor ein.

Seit jener Zeit steht das Kloster öde und verlassen, doch die spärlichen Überreste lassen uns die ehemalige großartige Schönheit der Baulichkeiten ahnen. Ein alter Chronist erzählt aber von einem in dem Kloster befindlichen Saale, welcher der Zaubersaal genannt wird. Dort habe sich folgende »curieuse« Geschichte zugetragen: Als sich einst mehrere Knaben in diesem Saale durch Springen ergötzten und jeder den anderen zu überbieten suchte, konnte plötzlich einer der Knaben mit Namen Damian nicht wieder von dem Platze fortkommen, auf den er gesprungen war. Seine Gefährten rissen und zerrten ihn; alles vergeblich. Der Rektor der Schule wurde herbeigeholt; aber auch er konnte den Knaben nicht befreien.

Endlich fiel ihm ein, dass dieser Zustand von einer Beschwörung herrühren müsse, und er befahl seinem Schüler, fleißig um sich zu schauen, ob er nicht irgendein Zeichen oder eine Schrift entdecken könne.

Damian sah umher und gewahrte über sich einen Zirkel, an der Wand nach Osten eine griechische Schrift, gegen Süden etliche Charaktere, welche er teils hersagen, teils beschreiben musste.

Daraus entnahm nun der Rektor, dass in der Mauer ein Schatz verborgen sei, und dass derjenige, welcher die Punkte, die bei Vergrabung des Schatzes gemacht seien, mit den Füßen berühren würde, die Schrift sehen und das Verborgene offenbaren solle. Sobald der Rektor das nun verstanden hatte, wurde der Knabe frei und konnte aus dem beschworenen Zirkel heraus. Der Rektor zeigte das Vorgefallene an, und als man nach seiner Anweisung suchte, wurde ein steinernes, mit Geld gefülltes Geschirr in der Mauer aufgefunden.

Aus dem Buch: Die schönsten Sagen aus dem Harz, 3. Auflage, S. 85–87

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