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Menschen im Harz · Ilsenburg

Harzer Originale: Eisen-Karl, der Axtsammler

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Harzer Originale: Eisen-Karl, der Axtsammler

Das weiße Hemd mit den Edelweißmotiven paßt bestens zum schlohweißen Vollbart. Wenn dann noch die abgewetzten Lederhosen dazu kommen, ist wieder mal Volksfest im beschaulichen Ilsenburg. Und genau dann gilt der Hof von »Eisen-Karl«, im richtigen Leben Gerhard Flörke, als gute Adresse für den Besuch einer höchst ungewöhnlichen Sammlung. Sorgfältig aufgereiht präsentiert der Harzer die martialisch anmutenden Spaltwerkzeuge, wobei die Vielfalt der Formen überrascht.

»Die Axt im Haus erspart den Zimmermann«, sagt man. Aber was um Himmels Willen macht Mann mit über 600 Äxten? Gesammelt hat sie der Ilsenburger seit der Wende. Seitdem vergrößert sich dessen Fundus hinter dem Haus in der Marienhöfer Straße beständig: »Gläser oder Zollstöcke sammelt doch jeder. So kam ich 1990 auf die Äxte.« Als an der nahen Nordharzautobahn noch gebaut wurde, stieß man auf sein bisher ältestes Exemplar. Auf Umwegen gelangte das auf mindestens 600 Jahre geschätzte Werkzeug, am Denkmalschutz vorbei, letztlich doch bei dem urigen Raritätensammler. Dabei handelt es sich um eines der kleineren Modelle. Manchmal kommt es vor, daß er die eine oder andere Axt gleich zweimal besitzt. Dann und nur dann läßt sich »Eisen-Karl« zu einem Verkauf breitschlagen. Das gilt freilich nicht für seinen aus Mexiko stammenden »Rinderspalter«: die Rede ist von 16 unverkäuflichen Kilogramm. Es gehört nicht eben viel Fantasie dazu, jene Menschen zu bedauern, die damit stundenlang umzugehen hatten.

600 Beile dürfte im Umkreis von mindestens 300 Kilometern kein Zweiter besitzen. Doch gegen die Axt-Sammlung eines Schweden gilt »Eisen-Karl« dennoch als wahrer Waisenknabe. Dieser soll mittlerweile über 2.000 Stück zusammen getragen haben. Also – bis zum Eintrag ins Guiness-Buch der Rekorde hat der Ilsenburger noch »jede Menge Luft nach oben«.

Dafür kann der graumelierte Veteran allerdings noch mit einer ganz anderen Rarität aufwarten: Ein Exponat, welches ihm mehrere Museen längst mit Kußhand abgekauft hätten, beispielsweise das Rennschlittenmuseum in Oberhof – dort muß man sich mit einem Foto begnügen. Gerhard Flörke hat den ersten Rennschlitten der Welt restauriert. Dabei handelt es sich eben um jenen Ur-Schlitten, mit dem der aus dem Riesengebirge stammende Martin Tietze im Jahr 1936 Weltmeister wurde. Er gilt als dessen eigentlicher Erfinder und erfolgreichster Rennrodler seiner Zeit. Vier Mal in Folge wurde er auf seinem Modell Europameister und ist es damit unangefochten bis heute. Auch im Doppel ist Tietze zusammen mit Kurt Weidner für die internationale Konkurrenz nahezu unschlagbar gewesen. Dessen jüngere Schwester Friedel Tietze brachte es ebenfalls zur Weltklasse-Rodlerin. 1942 fällt Martin Tietze während des Rußlandfeldzuges. Aber auch der noch bis zum Ende der 50-er Jahre bei Stahl Ilsenburg trainierende Sportskollege Walter Feist bestritt mit diesem Super-Schlitten eine regelrechte Bilderbuchkarriere.

Foto: Rainer Marschel, aus „Originale aus dem Harz“
Foto: Rainer Marschel, aus „Originale aus dem Harz“
Foto: Rainer Marschel, aus „Originale aus dem Harz“
Foto: Rainer Marschel, aus „Originale aus dem Harz“

Der Ur-Schlitten ist der mittlerweile zweite, den »Eisen-Karl« liebevoll restaurierte. Allerdings maß der erste gerade einmal 36 Zentimeter. Diesem Mini fehlten im Gegensatz zu seinem Pendant die Gene zu etwas ganz Großem. Basieren doch weltweit alle späteren Schlitten für Rennrodler auf eben jenem Modell – und das bis heute. Dem ebenfalls aus Ilsenburg stammenden Herbert Schneevoigt und dessen exzellenten Kontakten ist es zu verdanken, daß dieser Schlitten überhaupt wieder nach Ilsenburg »zurückkam« – das war erst 2010 der Fall.

Früher war das beschauliche Harzstädtchen ein Ort mit einer ausgeprägten und jahrzehntelangen Tradition, was den Rennschlittensport angeht. Und so hat sich »Eisen-Karl« mit dem von ihm restaurierten Rennschlitten nicht nur selbst ein kleines Denkmal gesetzt, sondern vor allem auch seiner Heimatstadt.

Aus dem Buch: Originale aus dem Harz, S. 102–105: „Marmor, Stein und Eisen bricht“

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