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Menschen im Harz

Harzer Originale: Der Gulaschkanonenbus

Harzer Originale: Der Gulaschkanonenbus

Er dampft geradezu beängstigend beim Anlassen, wie eine soeben angeheizte Lok. Aber zumindest im Motor brennt nichts wirklich an, es sei denn der Diesel. Und auch eine Etage höher in der dem Bus integrierten Gulaschkanone wäre das nur theoretisch möglich. Dafür sorgt mit jahrelanger Routine Isolde Hahndorf, Köchin aus Leidenschaft: »Ich bin ja auch jelernte Jellnerin und ich mach es jern, wenn die Leute immer gomm.« Ein Parkplatz mitten in der Pampa läßt Trucker wie Schüler in schöner Regelmäßigkeit schwach werden und rechts rausfahren: Mahlzeit auf dem Parkplatz an der »Hundescheune«. Draußen fegt der Wind über die weiten Felder, während es drinnen kuschlig warm ist und verführerisch nach Erbsensuppe duftet. Der rußenden, aber noch originalen Scirocco-Heizung sei Dank.

28 Jahre hat der in Ungarn produzierte Ikarus-Bus mittlerweile auf dem Buckel. Anderswo in Ostdeutschland ist das puritanisch anmutende Modell »Marke Kleiderschrank« längst ausgemustert worden. Nicht so an der B 180 zwischen Walbeck und Quenstedt im Nordosten des Harzes. Hier verhalf dem »Schlenki« eine ungewöhnliche Geschäftsidee zu einer einzigartigen Renaissance.

Dahinter steckte unmittelbar nach der Wende der Gedanke, daß eine am Imbiß erstandene Suppenterrine keineswegs an Konsistenz und Geschmack hinzugewinnt, wenn es in das Plaste-Behältnis hinein regnet oder schneit. Das brachte den einstigen LPG-Bauern Bernd Hahndorf Jahre später auf die Idee, der Gulaschkanone ein angemessenes Drumherum zu besorgen. Da man sich beim einstigen VEB Kraftverkehr gleich reihenweise seiner altmodisch gewordenen Ikarus-Bus-Gelenkzüge mit dem Baujahr 1984 entledigte, griff er damals kurzerhand zu. Umfangreiche Umbauten folgten. Aus gut einem Drittel des Busses wurde der Gastraum mit 18 Sitzplätzen, genau dort, wo sich vor 1989 noch Schüler reihenweise zum Unterricht schaukeln ließen. Gleich hinter dem Fahrer wurden wegen des »deutschen Reinlichkeitsgebotes« zwei Toiletten eingebaut. Der Rest bietet seit 2001 Platz für einen Mini-Tresen sowie vor allem die eingebaute Gulaschkanone.

Und natürlich für jene hungrigen Seelen, die allem widerstehen können, außer einer kulinarischen Versuchung. Eine Gulaschkanone, als Herzschrittmacher gewissermaßen, mitten im Bus, aus dem oben aus dem Dach das kleine Ofenrohr herausragt – in dieser Konstellation ganz sicher nicht nur bundesweit ein Unikat. Extra dafür mußte sie ein Kran auf ein selbst gebautes Podest hieven. Vorübergehend wurden der Gulaschkanone Räder verpaßt, um sie durch die ausgebauten Türen in den Bus reinschieben zu können. Das Ganze eine Millimeterarbeit, bis die NVA-Kanone erstmals an ihrem neuen Standort unter Dampf gesetzt werden konnte. Es war dies die Geburtsstunde des vielleicht weltweit einzigen Gulaschkanonen-Busses.

Nicht ganz zufällig sollte es bis zum Eintreffen der »üblichen Verdächtigen« auch nicht lange dauern. Als erstes interessierte sich die Redaktion von »Außenseiter-Spitzenreiter« für das Unikum, diverse Zeitungen und Fernsehsender folgten. Bernd Hahndorf: »Insbesondere, wenn hier stundenlang gedreht wird, kommen wir zu nichts.« Deswegen verzieht er beim Stichwort Fernsehen auch sichtlich die Augenbrauen in Richtung Haaransatz: Dreharbeiten, nein danke! »Diesen Zirkus brauchen wir nicht mehr. Ansonsten drehen wir hier noch durch!« Eine Episode wurde für ein Filmteam zum wahren Albtraum, erzählt Hahndorf: »Ich sollte über eine angeschaltete Kamera langsam drüber fahren. Das hab ich dann wunschgemäß auch so gemacht. Daß das sündhaft teure Stück aber am Schmutzfänger hängenblieb, lieferte spektakuläre Bilder, die so freilich niemand gewollt hatte. Totalschaden, aber nicht an meinem Bus!«

Wird gemeinhin Essen im Bus eher ungern gesehen, ist es in diesem Fall ausdrücklich erwünscht – eine Attraktion für Kinder und Eltern. Zumal sich die Schüler an ein solch merkwürdiges Gefährt im täglichen Einsatz als Beförderungsmittel keineswegs mehr erinnern können. Für die Erwachsenen hingegen gleicht es einem Déjà-vu, sofern man im Osten der Republik aufgewachsen ist. Aber selbst der hungrige Westdeutsche ist von dieser originellen ostdeutschen Kreativität am Straßenrand einfach nur angetan. Oder er nimmt die ungewöhnliche Offerte als Gourmet gar nicht erst wahr und rauscht kopfschüttelnd vorbei. So oder so: Die gelenkige Blechkiste »Made in Hungaria« ist ein immer wieder gern genutztes Fotomotiv. Die Hahndorfs besitzen in der Region um Aschersleben selbst noch drei weitere Gulaschkanonen: »Aber keine läuft derartig gut wie jene im Bus«, so der Besitzer nicht ohne Stolz. Dabei macht er aus der mobilen Kochgelegenheit in seinem unüberhörbar anhaltischen Dialekt jeweils eine »Julaschkanone«. Zusätzliche Anreize für einen Boxenstopp im wahrsten Sinne des Wortes schaffen die Hahndorfs bei der Facebook-Generation mit selbst gemachtem Kugeleis. Täglich gibt es drei Standardgerichte, neben den obligatorischen Erbsen sind das Nudeln in unterschiedlichen Varianten. Hinzu kommen weitere 20 verschiedene Suppen, die ständig wechseln, sowie jeweils ein Tagesgericht für gerade mal 4,50 bis höchstens 5 Euro – Schweineroulade zum Beispiel. Hilfreich war, daß schon der Vater ein echter Feinschmecker gewesen sei. Er habe vor 20 Jahren sämtliche »Gochrezepte« entwickelt: »Die machen wir alle heute noch jenauso«, meint Bernd Hahndorf: »Wir müssen nur die janzen Jewürze abwiejen, dann baßt das.«

Dennoch ist der rollende Imbiß auch ein handfestes Sorgenkind. Einer Uralt-Fregatte gleich, handelt es sich nämlich bei dem Ikarus-Bus um eine permanente Baustelle. Kaum ist man an einer Stelle fertig, klemmt es anderswo schon wieder. Wer rastet, der rostet – dabei rastet der Oldie an dieser Stelle immer nur wochentags. Der Besitzer rastet eher aus, wenn er zu Hause in Harkerode schon wieder irgendwo etwas schweißen muß. Zweimal jährlich wird der Veteran zum TÜV sowie zu einer zusätzlichen Sicherheitsprüfung beordert. Bisher ist der skurrile Imbißbus dabei noch nicht durchgefallen. Wie lange noch, gilt als völlig unbestimmt. Immerhin hat man sich vorsorglich gleich noch einen zweiten Bus gleicher Marke zugelegt. Der steht als Ersatzteilspender jederzeit bereit, obwohl es überall noch reichlich Teile für den Ikarus zu kaufen geben soll. An manchen Tagen laufe das Geschäft eher mies. Glücklicherweise sei das aber die Ausnahme. Normalerweise ist die Kundschaft dann doch recht treu. Manche rufen sogar extra vorher an, was denn heute gerade das Tagesgericht sei. Isolde Hahndorf: »Wir merken an unserer Klientel schon ziemlich genau, wenn Geld am Monatsende knapper wird. Nach dem Zahltag sind dann zumeist alle wieder da. Und auch vor Weihnachten wird es bei vielen immer etwas eng.« Irgendwann, wenn die Sonne im Westen dem Horizont schon gefährlich nahe gekommen ist, wachsen dem Ikarus Flügel. Das aber nicht, ohne sich und den Parkplatz an der B 180 vorher in eine tiefblaue Abgaswolke gehüllt zu haben. Dann geht es, wie jeden Abend, zurück ins acht Kilometer entfernte Harkerode. Eine Tortour für den hochbetagten Diesel. Für längere Reisen kommt er, so scheint es, nicht mehr infrage. Aber am nächsten Morgen steht er an gleicher Stelle schon wieder unter Dampf.

Foto: Rainer Marschel, aus „Originale aus dem Harz“
Foto: Rainer Marschel, aus „Originale aus dem Harz“
Foto: Rainer Marschel, aus „Originale aus dem Harz“
Foto: Rainer Marschel, aus „Originale aus dem Harz“

Aus dem Buch: Originale aus dem Harz, S. 34–39: „Nur die janzen Jewürze abwiejen“

Buch: Originale aus dem Harz

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Originale aus dem Harz

Mehr als ein Dutzend skurrile Harzer Originale – vom Brocken-Benno über den Suppenkönig aus Elend bis zur Harz-Hexe.

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