Harzer Originale: Der Hirschrufer
»Dein Mann hat sich gestern Abend wieder einmal wie ein brunftiger Hirsch benommen.« Aussagen wie diese würden jede Ehefrau zwischen Osterode und Ballenstedt mit allergrößter Wahrscheinlichkeit komplett verstört zurücklassen. Erst recht, wenn es sich, wie im konkreten Fall, ausgerechnet um einen ehemaligen Bürgermeister handelt. Nach zehn Jahren im Amt sollte man sich doch in aller Öffentlichkeit mehr im Griff haben, meint man. Die Gattin des 51-jährigen Hans-Günter Schärf aus Sankt Andreasberg würde eine solche beunruhigende Äußerung aber kalt lassen. Ihr Mann ist zwar weder Jäger noch Sammler, dafür aber professioneller Hirschrufer. Nicht ganz zufällig in der norddeutschen Hochburg dieser für den Außenstehenden reichlich skurril anmutenden Tradition. Dabei wird das Imitieren der »Geweihten« nicht nur dort mit wirklich großem Ernst betrieben. Immerhin fand die Norddeutsche Meisterschaft im Hirschrufen bereits zum zwölften Mal in Sankt Andreasberg statt. Abgesehen davon gibt es in dieser Disziplin auch die Deutsche Meisterschaft, Europa- und sogar Weltmeisterschaften.
Das Publikum darf dabei nicht klatschen. Die Jury sitzt so, daß sie den auf der Bühne gerade »röhrenden Hirsch« gar nicht sehen kann. So darf ein faires Urteil auch im niedersächsischen Sankt Andreasberg für am wahrscheinlichsten gehalten werden. Lokalmatadoren wie Hans-Günter Schärf könnten sich die Lunge aus dem Leib brüllen, ohne auf eine Bevorzugung der extra in Kabinen sitzenden Juroren setzen zu können. Es kommt bei allem Ernst aber auch vor, daß die »Röhre« mit einem Frosch im Hals derart verstopft ist, daß der »Röhrling« auch schon mal über sich selbst lachen muß.
Dem heutigen Vorruheständler ist das Hirschrufen geradezu mit in die Wiege gelegt worden. Immerhin verstand sich auch schon sein Vater darauf, die brunftigen Riesen jeweils im Herbst lautstark zu veralbern. Auch der war aber zu keiner Zeit selbst ein Waidmann, dem das hätte irgendwie von Nutzen sein können. Sein Sohn, der umgeben von Wald aufwuchs, meint: »Ich wollte ja immer einen Jagdschein machen. Aber zeitlich geschafft habe ich das nie.« Sagt es lachend und reibt mit einer vielsagenden Geste Daumen und Zeigefinger aneinander. Schon als Kind hätte er mit einer Gießkanne bewaffnet die Hirsche rangeholt. Im übrigen ist das ein Instrument, welches mancher professionelle »zweibeinige Hirsch« heute noch bei den Wettkämpfen verwendet.
Längst wurden aber die damaligen Hilfsmittel der ersten Stunde vervollkommnet. Als Alternativen nutzt Hirschrufer Schärf mittlerweile Weizenbiergläser: »Das geht besser, wenn sie unmittelbar vorher schon ein paar Mal für ihren eigentlichen Zweck genutzt wurden.« Bei den Deutschen Meisterschaften in Hannover reichte das »röhrende Weizenglas« auf Anhieb für einen vierten Platz, später sogar für einen dritten. Zu Hause in Sankt Andreasberg verfehlte er den Triumph gegenüber dem favorisierten Deutschlandsieger nur ganz knapp. Auch mittels großer Muscheln und Schneckengehäuse oder ausgehöhlter Ochsenhörner lassen sich Hirsche vergleichsweise leicht beirren. So sollte es auch nicht lange dauern, bis die Industrie mit einem fernrohrähnlichen »Faulhaber« nachzog. Andere schwören auf die pappige Innerei einer 0815-Küchenpapierrolle. Selbst damit seien schon beachtlich gute Plätze beim Hirschrufen erzielt worden. Schärf: »Im Grunde eignet sich alles, was die Stimme verstärkt. Immerhin hat ja der Hirsch eine sehr lange Drossel.« Und für den Fall, daß man sein Täuschungs-Instrument gerade nicht dabei hat, soll sogar der geschickte Ruf in die hohle Hand reichen. Das funktioniert aber besser in der Praxis als bei irgendeiner Hirschrufmeisterschaft.
An solchen nehmen vereinzelt sogar Frauen teil. Allerdings sind sie allein schon wegen ihrer ungleich höheren Stimmlage extrem benachteiligt. Was sich wohl Platzhirsche im Wald denken mögen, plötzlich von einer zarten Frauenstimme angemacht und provoziert zu werden? Dem weiblichen Geschlecht scheint es überhaupt völlig Wurst zu sein, wer da was, wie laut und oft in den Wald hinein ruft. Weibliche Hirsche nämlich sollen sich von dem Brunftschrei der potenziellen Beschützer gar nicht beeindruckt zeigen, meint Schärf. Dabei versteht er sich längst auch auf eine sehr differenzierte Imitation: »Wenn ich am Anfang der Brunftzeit einen starken Rivalen nachmache, läßt sich der jüngere Hirsch schneller provozieren, weil er vermutet: Dort ist bestimmt ein Rudel. Vielleicht krieg‘ ich da noch ein Mädel ab. – Es gibt draußen sehr unterschiedliche Situationen, in die man sich erst reinfinden und an die man sich mit seinen Rufen anpassen muß. Dann klappt das irgendwann.« Außerhalb der Brunftzeit wird das Hirschrufen vom Wild komplett ignoriert. Vielleicht würde der eine oder andere Platzhirsch dem Verursacher dann gern mal einen Vogel zeigen, wenn er das nur könnte. Hartnäckig wird in der Rufer-Szene übrigens an der These festgehalten, daß Hirsche Dialekte verstehen. Demnach hätte ein Harzer Hirschrufer in Oberbayern nicht die Spur einer Chance. Das gilt freilich auch umgekehrt. Schärf will diese abenteuerlich anmutende These weder bestätigen noch dementieren. Aber er kennt sie nur zu gut.
Einmal wäre dem Oberharzer aus Niedersachsen sein eigenes Talent beinahe zum Verhängnis geworden. Mitten in der stockfinsteren Nacht habe er nach seinem Rufen plötzlich einem großen Hirsch in einer Entfernung von vier Metern gegenübergestanden. Und das, ohne diese unfreiwillig und gefährlich nahe Annäherung vorher irgendwie bemerkt zu haben. Erst als das riesige Tier – wutschnaubend ob dieser Frechheit – die Witterung des Menschen aufgenommen hatte, nahm es Reißaus. Schärf: »Die männlichen Hirsche sind in dieser Zeit bis zum Anschlag vollgepumpt mit Testosteron. Die sind wie betrunken. Da sollte man sich auch nicht zwingend darauf verlassen, keinesfalls in deren Beuteschema zu passen.«
Die Wettkämpfe der Hirschrufer sind nicht nur in Sankt Andreasberg zumeist gut besucht. Dabei verdienen die unterschiedlichen Disziplinen besondere Beachtung. Ein laufender Hirsch »trenzt«. Dann ist er zu nicht viel mehr als staccatoartigen Lauten fähig. Andere Imitationen sind der »Hirsch im Bett«, also in liegender Position oder der »Suchende Hirsch«. Auch den klassischen »Kampfschrei« oder »Sprengruf« sollten professionelle Hirschrufer sehr wohl beherrschen. Und so jung ist zum Glück keiner der Teilnehmer, daß noch ein »Röhr-Bruch« zu befürchten wäre.
Unter den hirschrufenden Jägern zwischen Garmisch und Greifswald gilt Nicht-Waidmann Schärf als ausgesprochener Exot. Im Ort selbst hat es ihm eher zusätzliche Sympathien eingebracht, alljährlich auf der Bühne in die Rolle eines brunftigen Geweihträgers zu schlüpfen. Auch wenn er damit einem stundenlang ansitzenden Jäger im Wald einen Bärendienst erweisen könnte – zumindest theoretisch. Genau das ist auch der Grund, daß man den Ex-Bürgermeister während der Dämmerung im besten Fall in einer Kneipe röhren hört. Der Sankt Andreasberger überraschte jüngst mit einem Verbesserungsvorschlag: »Ich würde mir mal eine Hirschrufmeisterschaft morgens um neun wünschen – nach einer durchzechten Nacht. Da hätte ich immer eine schöne rauhe Stimme. Nachmittags um vier hat die doch keiner mehr. Auch das Tremolo würde viel besser klingen.« Das ist eine Idee, die mit keinem Dopinggesetz kollidieren würde. Aber das Tremolo der Gattin wegen der nächtlichen Eskapaden am Stammtisch wäre vielleicht auch nicht von schlechten Eltern.
Wie es aus dem Wald heraus schallt, so ruft Mann hinein. Hans-Günter Schärf betreibt das Hirschrufen nur so zum Spaß. Das kann er im Gegensatz zur röhrenden Konkurrenz auch ganz locker. Bei ihm ist kein Jagderfolg vom professionellen Brunftgeschrei abhängig. Erst recht nicht in der zweibeinigen Damenwelt. Und so gilt: Nach der Hirschrufmeisterschaft ist vor der nächsten.
Aus dem Buch: Originale aus dem Harz, S. 40–45: „Wie man in den Wald hineinröhrt“

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