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Menschen im Harz

Harzer Originale: Die Wahrsagerin

Harzer Originale: Die Wahrsagerin

Bei ihr gehen Fußball-Fans, Bürgermeister, Ärzte und Lehrer genauso ein und aus wie Geschäftsleute, Huren oder manchmal auch Hartz-IV-Empfänger. Ihr absoluter Traumkunde wäre höchstwahrscheinlich ein passionierter Shisha-Raucher, Tee-Genießer und gleichzeitiger Esoterik-Freund. Zumindest die Karten sollte man sich aber schon gern in Gernrode legen lassen. Denn genau darum geht es der temperamentvollen Hexe Corinna Rasche hauptsächlich. Wenn es beim Blick in die Zukunft gleichzeitig noch verführerisch nach frischem Tee duftet, um so besser. Daß die 47-Jährige Termine oft zwei bis drei Wochen im Voraus vergibt, mag als Indiz dafür gelten, daß kaum etwas spannender zu sein scheint als von ihr Prognosen für die eigene Zukunft vorausgesagt zu bekommen. Und das, obwohl die Gernröder Hexe mit ihrer Wahrsagerei keineswegs allein auf weiter Flur orakelt. Kolleginnen im gleichen Metier gibt es im Harz nicht selten. Ins Gehege kommt man sich ganz offensichtlich nicht, im Gegenteil. Dauert es einem Kunden zu lange, wird er von Corinna Rasche schon mal an eine der Nachbarhexen zur »Express-Wahrsagung« verwiesen. Daß sie sich untereinander inkognito testen, gehört aber auch zur Wahrheit der Wahrsagerinnen. Und Corinna Rasche gibt unumwunden zu, daß es »reichlich schwarze Schafe in ihrer Branche« gibt. Namen nennt sie nicht. Die meisten davon würden sich im Fernsehen oder auf einschlägigen Internetportalen tummeln.

Wenn es, was immer seltener vorkommt, nicht so gut läuft, legt Rasche ungefähr vier mal täglich irgend jemandem die Karten. Es gibt aber immer öfter Tage, da sie viel mehr Ratsuchenden spirituell auf die Sprünge hilft – Kartenlegen am Fließband. Die Versuchung scheint riesig, etwas zu erfahren, was erst die Zukunft bereithält. Das war schon im Mittelalter so. Nur galt damals auch, daß sich jede Hexe damit wissentlich in Lebensgefahr begab. Andere wieder wurden für Hexen gehalten, die es weder waren noch jemals sein wollten. Wie das dann meist endete, ist hinlänglich bekannt. Theoretisch könnte auch Corinna Rasche scheitern – aber der Scheiterhaufen droht in gar keinem Fall. Rasches Kunden kommen längst nicht nur aus dem Harz, sondern manchmal sogar extra aus Magdeburg oder Berlin, Göttingen, Hannover oder Thüringen angereist. Und abgesehen von ihrer Internet-Präsenz kann Corinna Rasche inzwischen auf Eigenwerbung locker verzichten. Ein zufriedener Kunde sorgt oft für drei neue. Klingt wie verhext und ist es anscheinend auch.

Ursprünglich wußte die gelernte Floristin im langen Hexenkleid gar nichts von ihrer ungewöhnlichen Fähigkeit. Zumindest bis zu ihrem sechsten Lebensjahr. Da will sie ihre erste Erscheinung gehabt haben – auf dem Mond, der damals einer Sichel glich, stand eine ganz in Weiß gekleidete Frau mit einem Kind im Arm. Beim Erzählen schüttelte ihre Großmutter ob solcher kindlichen Fantasien nur ungläubig den Kopf. Aufgeschlossener zeigte sich davon schon die eigene Mutter, die das Ganze kurzerhand als Marien-Erscheinung interpretierte. Damit konnte das atheistisch erzogene Kind freilich noch überhaupt nichts anfangen.

Foto: Rainer Marschel, aus „Originale aus dem Harz“
Foto: Rainer Marschel, aus „Originale aus dem Harz“

Zwei Jahre später sitzt die Familie beim Romme-Spiel zusammen. Zufall oder nicht – die fantasievolle Kleine bekommt ein Blatt ausschließlich mit roten Karten. Was sie darin zu erkennen glaubt, ist eine ebenso dicke wie glücklich verliebte Frau mit einem Mann in ihrer Nähe. Spontan hält sie diese für ihre Tante Karin, die einen neuen Freund zu haben scheint. Die Rede ist von der alleinerziehenden Nachbarin mit ihren drei Kindern. Nur wenige Tage später stellt »Tante Karin« tatsächlich ihren »Neuen« vor – sichtlich glücklich verliebt. Die Mutter hält das Ganze für puren Zufall, jedenfalls noch. Wiederum ein Jahr später mag niemand mehr an einen neuerlichen Zufall glauben. Auch da ist die Familie wieder um das Kartenspiel versammelt. Das Blatt der Neunjährigen besteht an diesem denkwürdigen Tag aus zwölf ausnahmslos schwarzen Karten. Das Mädchen erkennt darin einen bereits im Sarg liegenden alten Mann. Daneben eine betende Frau. Ihre spontane Äußerung, wonach der Opa Mäsecke tot sei, verblüffte diesmal alle. Am nächsten Morgen steht tatsächlich der Leichenwagen vor der Tür eines Nachbarn. Dessen Frau steht, wie vorausgesehen, betend neben dem Sarg: »Erscheinungen muß ich wohl geerbt haben, meine Mutter hatte sie auch«, so Hexe Corinna rückblickend.

Mit ihrem späteren Umzug nach Wernigerode beginnt sie, sich professionell mit dem Kartenlegen zu befassen. In der heute nicht mehr lebenden Elfriede Richter aus der Kochstraße soll sie ihre Meisterin finden. Anderthalb Stunden muß sie bei der ersten Begegnung mit der alten Dame warten, bis sie in das Zimmer gerufen wird. Die erste Reaktion zur Begrüßung: »Was willst denn du hier?« Corinna Rasches Antwort: »Wie die anderen auch, will ich mir von Ihnen die Karten legen lassen.« Doch Elfriede Richter winkt überraschend ab: »Das brauchst du gar nicht. Du weißt doch schon alles.«

Foto: Rainer Marschel, aus „Originale aus dem Harz“
Foto: Rainer Marschel, aus „Originale aus dem Harz“
Foto: Rainer Marschel, aus „Originale aus dem Harz“
Foto: Rainer Marschel, aus „Originale aus dem Harz“

Die Neu-Wernigeröderin ist zunächst perplex, kann die Profi-Hexe aber dann schließlich doch noch zum Kartenlegen überreden. Das Ergebnis fällt seinerzeit eindeutig aus. Elfriede Richter sagt ihr nicht nur die Selbstständigkeit in der eigenen Branche voraus, sondern gleich auch noch die Begegnung mit einem Mann, der sie persönlich voranbringen werde. Zudem wird aus den Karten ein erneuter Umzug prophezeit. Daß ihr künftiger Partner bereits eine Tochter hat, die nicht bei ihm wohnt, auch das soll sich wenig später als wahr erweisen. Und sogar die vorausgesagte Medienpräsenz stellt sich ein. Vor allem der MDR scheint einen Narren an der Hexe gefressen zu haben. Aber auch diverse Lokalzeitungen porträtieren die magische Frau in allen Facetten.

90 Prozent ihrer Klientel sind Frauen. Nahezu alle würden mit der Frage bei ihr vorsprechen, ob der eigene Partner tatsächlich treu ist? Bei den wenigen Männern, die zu ihr kämen, stehe dieses Thema erst an zweiter Stelle. Sie interessierten sich in allererster Linie für die Perspektiven im Job, so Rasche mit einem süffisanten Lachen. Meist unter »ferner liefen...« käme es dann bei ihnen zur Klärung der Frage, wie es denn künftig um die eigene Gesundheit bestellt sei. Klar gäbe es vereinzelt auch Beschwerden, wenn man ausnahmsweise mal etwas daneben liege: »Ich wäre ja schön dumm, wenn ich das nicht zugeben würde«, meint sie voller Selbstbewußtsein. Und ergänzt den Hinweis, daß auch sie schließlich nicht ganz perfekt sei. Im übrigen würde sie aus purem Respekt vor dem Kunden nicht grundsätzlich alles erzählen, was sie aus den Karten lesen würde. Einer völlig ahnungslosen Kundin will sie aber einmal sogar eine ernsthafte Krebserkrankung prophezeit haben. Diese sollte sich Tage später als durchaus zutreffend herausstellen. Eine rechtzeitige und erfolgreich verlaufende Operation konnte damals offenbar das Schlimmste verhindern. Die Patienten gilt seit langem als geheilt. – Die Hexe wird daraufhin nicht nur von der Dame selbst, sondern gleich auch noch von zahlreichen Familienmitgliedern mit Lobeshymnen und Danksagungen überschüttet. Man müsse also schon sehr genau differenzieren, wem man was sagen kann und sollte: »Daran halte ich mich.« Schließlich gäbe es ja auch so etwas wie eine Bestimmung für ein langes Leben – oder eben nicht. »Immer dort, wo noch etwas mit einer OP zu machen oder abzuwenden ist, werde ich es auf jeden Fall ansprechen. Anderenfalls verzichte ich darauf.«

Abgesehen vom Kartenlegen hat sich die Nordharzerin aber auch der Nummerologie verschrieben. Dabei sollen allein schon die Geburtsdaten ausreichen, den weiteren Lebensweg weitgehend vorherzusagen: »Natürlich paßt das Ergebnis auch bei mir nie hundertprozentig. Aber erfahrungsgemäß stimmen meine Prognosen zumindest zu 85 Prozent. Ich bin also nicht besser oder schlechter als die meisten der Meteorologen. Mit meiner Trefferquote kann ich insofern bestens leben und die überwiegende Mehrheit meiner Kunden offenbar auch. Schließlich gibt es eine ganze Menge Wiederholungstäter, die ich in schöner Regelmäßigkeit immer wieder bei mir begrüßen kann.« Nur vom Pendeln hat die Gernröderin bisher weitgehend die Finger gelassen. Wer das erwartet, ist bei Rasche offenbar an der falschen Adresse.

Als schönes Kompliment und zugleich als Bestätigung empfindet es Hexe Corinna, wenn ihr als nichtdiplomierter Frau bescheinigt wird, eine bessere Psychologin als mancher Fachmann zu sein. In dieser Richtung hätten sich schon etliche ihrer Kunden geäußert.

Ob es auf Dauer mit der Wahrsagerei ein Traumjob ist, weiß sie nicht mit Bestimmtheit zu sagen. Wenn nicht, »dann mache ich eben irgendwann mal wieder was ganz anderes.« Aber womöglich hat sie das ganz Andere auch schon wieder längst in den Karten entdeckt.

Aus dem Buch: Originale aus dem Harz, S. 46–51: „Abwarten, Tee trinken und Karten legen“

Buch: Originale aus dem Harz

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