Menschen im Harz · Langeln
Harzer Originale: Das St(r)ickwunder
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Lange schon bevor das Stricken auch bei der Enkel-Generation wieder in Mode kam, wurden in der Nordharz-Gemeinde Langeln die Nadeln traktiert, was die Wollknäuel hergaben. Doch mit Paul Saloga hat sich ausgerechnet ein Mann über die Jahre zu einem wahren Stick-Wunder gemausert.
Sie sind der beste Beweis dafür, daß es durchaus keinen Grund gibt, die Hände über dem Kopf zusammenzuschlagen, bloß weil man hoffnungslos verstrickt ist. Und dies seit mittlerweile mehr als zehn Jahren. Die Rede ist von so einer Art »gemeinschaftlich begangener Körper-Benetzung«. Unter den überaus geschickten Fingern der Langelner Strickfrauen kriegen die Nadeln gleich reihenweise »das große Klappern«. Alle drei Wochen ist das Pfarrhaus der Anlaufpunkt für die dreizehn Nadelarbeiterinnen des Strickkreises.
Dabei dürfte der Altersdurchschnitt weit jenseits der 70 Jahre liegen – die Älteste ist fast 90. Kerstin Loel, die es knapp auf die Hälfte dieser Lebenszeit bringt, darf insofern als große Ausnahme gelten. Aber selbst das aus der Sicht der Großmütter »jüngste Küken« ist mit einer ganz ähnlichen Begeisterung bei der Sache wie die älteren Damen. Und von denen könnte jede locker ihre eigene Oma sein.
Natürlich ist die Geselligkeit ein ganz maßgebliches Motiv, wenn man um den großen Tisch versammelt sitzt. Was im Dorf passiert, wer ein Kind bekommen hat, wo gerade Goldene Hochzeit gefeiert wurde: Es gibt kein Thema, welches hier unter besagten Tisch gekehrt würde. Auf diesem liegen dann ausgebreitet jene Handarbeiten, die irgendwann im Pfarrhaus begonnen und zumeist zu Hause auf dem Sofa bei laufendem Fernseher fertiggestellt werden. Schals, Pullover, Handschuhe, Socken – gestrickt wird alles, was dem nächsten Kälteeinbruch abrupt jeglichen Schrecken nimmt. Auffallend dabei: Keine der in allen Farben prangenden Sachen, selbst jenseits der gestrickten Babygarnituren, entspricht auch nur annähernd einer jener Größen, die die Damen eigentlich bräuchten. Für sich selbst wird nämlich gar nichts gestrickt. Dagegen reichen die »Verstrickungen« der Damen längst bis nach Süd- und Osteuropa. Jene, die gern Wollspenden aus weiten Teilen des Harzes entgegennehmen, sind nämlich selbst die größten Spender.
Ausschlaggebend war zunächst der Kontakt zu einem Waisenhaus im weißrussischen Minsk. Dieses wurde Jahr für Jahr gleich kiloweise mit Gestricktem aus Langeln versorgt. Später kamen die Verbindungen zum Malteser Verband Halberstadt sowie zur »Kinderhilfe für Siebenbürgen« aus Stapelburg hinzu. Keiner der zweimal jährlich stattfindenden Hilfstransporte nach Rumänien geht ohne wärmende Sachen der unermüdlich Strickenden auf die Reise. Unterdessen dürfte die Zahl der Roma-Kinder, denen auf diese Weise schlimmste Erfrierungen in ihren jämmerlichen Holzhütten erspart wurden, in die Hunderte gehen. Vor Ort kennt man freilich keine der ebenso emsigen wie selbstlosen Handarbeitsfeen aus dem fernen Deutschland. Und falls in der Langelner Runde doch mal jemand an seine Strickgrenzen stoßen sollte, muß man auf sachkundigen Rat von nebenan nicht lange warten. Nur zu gern wird der Nachbarin über die Schulter geschaut; »abkupfern« ist ausdrücklich erlaubt.
Auffallend sind auch die kleinen, aber offensichtlich lieb gewonnenen Rituale der Damen am Rande. Jede ist mal dran, einen selbst gebackenen Kuchen mitzubringen. Nach einer Stunde werden die Nadeln dann jeweils für eine halbe Stunde gegen die Kuchengabeln ausgetauscht. Dann duftet es in der guten Pfarrstube mit dem Kruzifix an der Wand immer nach frisch gebrühtem Kaffee. Und stets darf sich jene Dame, die dieses Mal mit dem Backen dran war, am Schluß auch noch ein Lied wünschen. Das wird zum Abschluß gemeinsam gesungen. So geht Geselligkeit auf dem Lande.
Aber vom Enthusiasmus des Strickkreises hat sich unterdessen sogar eine Hamburgerin aus der Ferne anstecken lassen. Infiziert vom Spaß an der Handarbeit wie von dem Hilfsgedanken strickt und häkelt sie ein paar hundert Kilometer weiter nördlich fleißig mit. Die Ergebnisse der Sympathisantin befördern dann DHL & Co. in schöner Regelmäßigkeit per Karton nach Langeln – so daß alles zusammen dann auf die ganz große Reise gehen kann. Solange es den Strickkreis gibt, muß Wolle hierzulande nicht weggeworfen werden. Das betonen die Frauen gleich mehrfach. Und genau das hat sich im Harz mittlerweile auch herumgesprochen. Immer öfter klingelt deswegen das Telefon, mit dem neuerliche Wollspenden angekündigt werden. Für die Damen sind die Knäuel allerdings nur ein durchlaufender Posten. Die lachenden Kinderaugen in Minsk und Hermannstadt bei der Übergabe der Spenden haben sie selbst zwar noch nie gesehen. Aber es wurde ihnen schon dutzendfach davon berichtet. Das macht sie zurecht ein bißchen stolz und motiviert zugleich zum Weiterstricken.
Doch was wäre Langeln ohne sein Stick-Wunder? Im Strickkreis könnte Paul Saloga zweifelsohne den Hahn im Korbe spielen. Doch der Mittsiebziger zieht sein uriges Holzhäuschen am Rande Langelns als Arbeitsplatz vor. Und das nicht nur, weil er in einer gänzlich anderen »Disziplin« startet. Mit 13 Jahren, also vor über 60 Jahren, habe ihn die Stickleidenschaft gepackt, erzählt er. Seitdem kann er von seinem ganz und gar männeruntypischen Hobby nicht lassen. Selbst passionierte Stickerinnen soll Saloga schon über alle Maßen verblüfft haben. Sticken war bei ihm schon lange vor der Rente zum Lebensinhalt geworden. Insofern vermag die unfaßbare Präzision seiner Arbeiten kaum verwundern. Den Laien nicht und den Experten erst recht nicht. Saloga stickt in einer anderen Liga. Das müssen die Damen vom Strickkreis neidlos anerkennen, und sie tun es auch.
So ist es auch relativ egal, wann man Paul Saloga aufsucht: Ist er nicht in der Sauna oder im Garten, wird er mit fast 100-prozentiger Sicherheit sticken. Beinahe folgerichtig, daß seine Frau diese Handarbeit nicht ganz so gut beherrscht: »Was ich auch immer sticke, mein Mann kann es besser!« Dennoch soll es schon mehrfach eine fast kurios anmutende Teamarbeit gegeben haben. Als seine Frau beispielsweise krank ist, bleibt auch er einfach tagsüber mit im Bett. Dann wird die Tischdecke auch schon mal parallel von beiden zugleich bestickt. Paul Saloga: »Ich sticke im Winter fast jeden Tag. Wenn schlechtes Wetter ist, sogar von morgens bis abends.« Dabei hat seine Stickerei noch nicht einmal irgendeinen kommerziellen Hintergrund. Der Langelner arbeitet nahezu ausschließlich für gute Bekannte oder enge Freunde. Das Meiste wird sowieso verschenkt. Dabei sind ihm die Motive eigentlich egal. Die könne sich jeder selbst aussuchen. Exzellente Stickereien erkennt man bekanntlich daran, dass sie von beiden Seiten gleich aussehen. Und in der Tat: Man kann seine Arbeiten drehen und wenden, wie man will – am Ende bleibt stets ungläubiges Staunen. So Filigranes aus der Hand eines Mannes?
Daß er sich über die Jahrzehnte seines Lebens peu a peu eine Frauendomäne erobert, mag er sich am Anfang sicher selbst nicht zugetraut haben. Erst recht nicht, daß seine Fähigkeiten einmal auf internationale Anerkennung stoßen könnten. Dabei hat ihn, wie so oft, der pure Zufall zu seinem Hobby gebracht. 100 Kilometer von Bremen entfernt geht Paul Saloga zur Schule. Sein eigentlicher Lehrer fällt für Monate aus. Die Vertretung ist eine Frau, die plötzlich mit dem Handarbeitsunterricht anfängt. Doch »Knöppe an die Hose annähen« soll dem pubertierenden Saloga sehr schnell nicht mehr ausreichen. Im Sticken findet er wenig später seine Passion und abseits einer vorgegebenen Männerrolle auch sein Alleinstellungsmerkmal. Daß seine Tante damals auch einigermaßen gut sticken konnte, fordert den Jugendlichen nur noch mehr heraus.
Längst schreckt Langelns Handarbeitsgenie selbst vor der hohen Kunst der »Richelieu- und Madeirastickerei« nicht mehr zurück. Letztere hat er so weit perfektioniert, daß er in Bremen Lehrgänge veranstaltet. Daran nehmen sogar vereinzelt Männer teil, erzählt er schmunzelnd. Auch auf bundesweiten Messen ist der Nordharzer seit vielen Jahren eine gefragte Adresse. Bei einer solchen Gelegenheit wird ein Geschäftsmann aus den Philippinen auf ihn aufmerksam. Prompt wird er für fünf Wochen dorthin eingeladen, um einer ganzen Armada von Frauen seine Künste weiter zu vermitteln. Denn diese sind bis dato auf der Insel gänzlich unbekannt.
Die mit Abstand größte Herausforderung für die Sticklegende: mehrere höchst aufwendig bestickte Tücher für Altar und Kanzel der Langelner Marienkirche. Die monatelange Herstellung gilt bis heute als eigentlich unbezahlbar. Vom Besorgen der einzigartigen Stoffe auf verschlungenen Wegen über Rußland mal ganz abgesehen. Allein damit hat sich der stickende Rentner für Jahrzehnte ein Denkmal gesetzt – und ist dennoch auffallend bescheiden dabei geblieben.
Ob man es rund um den Langelner Kirchturm nun wahrhaben will oder nicht: Der Ort hat sich klammheimlich zur »Hauptstadt der Hand-Arbeiter« entwickelt. Und Sticklegende Paul Saloga scheint da nur die sprichwörtliche Spitze des Eisbergs zu sein.
Aus dem Buch: Originale aus dem Harz, S. 72–79: „Das große Klappern“

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