Die Sage vom Regenstein

Nördlich von Blankenburg erheben sich aus sandiger Fläche mächtige, schroffe Sandsteinfelsen, welche den Namen Reinstein oder Regenstein führen. Der Felsenberg soll schon den Germanen einst als Versammlungsort gedient haben.

Auf den Felsenbildungen sind noch die Überreste der Burg Reinstein erhalten, deren Erbauung in ganz alte Zeiten zurückreicht und höchst mühevoll und schwierig gewesen sein muss. Die Gründer der Burg sind der Nachwelt nicht übermittelt, doch erzählt die Sage, dass der Bau schon 479 von den Sachsen ausgeführt und dem tapferen Häuptling Hatebold aus Dankbarkeit zum Geschenk gemacht sei, weil er Melverich, den König der Thüringer, siegreich bekämpft hatte.

Mit unbeschreiblichem Fleiße und großer Ausdauer muss diese Feste hergestellt sein; denn alle Gemächer, die Kirche und die Gewölbe, welche als Gefängnisse dienten, sind unmittelbar in das harte Gestein hineingemeißelt.

Innerhalb der Mauern, die einst von dem Jammern und Klagen der Gefangenen widerhallten, ist es heute ruhig. Herrliche Aussicht in die Ebene bietet sich, die besonders reizvoll an einem Vorsprunge ist, welcher »der verlorene Posten« genannt wird.

Die Benennung stammt von einem seltsamen Vorfall, der sich an diesem Orte vor Jahren zugetragen hat. Damit die Feinde sich nicht heimlich durch den Vogelsang, ein am Fuße des Reinsteins liegendes Tal, der Festung nähern konnten, war an diesem Vorsprung ein Posten ausgestellt. Einst, bei heftigem Unwetter, suchte die Schildwache Schutz in dem nahestehenden Schilderhäuschen; dieses aber wurde von einem Windstoße losgerissen und mitsamt dem Soldaten in die Tiefe geschleudert. Als man aber am nächsten Morgen erschreckt das Unglück wahrnahm und die Leiche des Zerschmetterten aufsuchen wollte, saß der Soldat zum Staunen aller wohlgemut auf einem Steine und harrte der Hilfe: nur eine leichte Verletzung des Fußes hinderte ihn am Gehen.

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In der Nähe des verlorenen Postens befindet sich das Burgverließ, an welches sich folgende Sage knüpft:

Da noch die Reinsteiner im Besitze der Burg waren und arg als Raubritter hausten, hatte sich einer der Grafen die Tochter des Ritters von Heimburg zum Weibe auserkoren. Das Edelfräulein aber hasste den grausamen und wilden Mann und weigerte sich, demselben anzugehören. Darüber erzürnt, sann dieser auf Rache oder einen Zufall, der ihm das Mädchen in die Hände führen werde. Endlich glückte ihm sein abscheulicher Plan. Als das ahnungslose Edelfräulein sich einst allein eine Strecke von ihrem Schloss entfernt hatte, überfiel der Ritter die Erschreckte und entführte sie auf seine Burg. Hier stellte er es Leonoren frei, ob sie gutwillig sein Weib werden oder drunten im schauerlichen Burgverließ schmachten wolle; auf die Hilfe ihrer Verwandten dürfe sie nicht hoffen, da keiner von ihrem Verbleib eine Ahnung habe. Die Unglückliche wusste sehr wohl, welche Qualen im dumpfen Kerker ihrer warteten; aber trotzdem blieb sie beharrlich bei ihrer Weigerung; lieber tot, als diesem Verhassten angehören!

Schreckliche Tage folgten. Kein Lichtstrahl, kein Laut drang in das schauerliche Gewölbe; Leonore war es, als sei sie lebendig begraben. Durch eine kleine Öffnung erhielt sie Speise und Trank; genug um ihr Leben zu fristen, zu wenig, um den nagenden Hunger zu stillen. Durch den Mangel an Nahrung hoffte der Graf die Gefangene zu beugen und zur Nachgiebigkeit zu bewegen. Aber Leonore war fest entschlossen, das Äußerste zu ertragen; sie hoffte noch immer auf irgendeinen rettenden Zufall – umsonst; es war trotz aller Nachforschungen den Eltern unmöglich, ihren Aufenthalt zu erkunden, und die Tochter wurde längst als tot betrauert.

Aber der Wunsch, zu leben und wieder frei zu sein, ließ Leonore nicht verzagen; Tag und Nacht sann sie auf eine Möglichkeit, sich selbst zu befreien. Da, als die Herbststürme die Burg umbrausten, hörte die Gefangene an dem Rauschen, welches an ihr Ohr schlug, dass die Wand, die sie von draußen trennte, nicht allzu stark sein könne. Hätte sie nur ein Werkzeug gehabt, das Gestein zu durchbrechen! Plötzlich gedachte sie ihres Ringes, den ein selten großer Diamant schmückte. Sie wusste, welche Härte dieser Edelstein besitzt und versuchte, mit demselben eine Vertiefung in die Mauer zu kratzen.

Welch ein Hoffnungsstrahl! Das harte Gestein zerbröckelte unter dem eifrigen Schaben. Jetzt gönnte sie sich kaum die nötige Ruhe und arbeitete mit dem Eifer der Verzweiflung an ihrem mühsamen Werke. Monatelang hatte sie sich schon geplagt: endlich drang ein winzig kleiner Lichtschimmer in das finstere Gewölbe. Wonnetrunken über dem langentbehrten Anblick warf sich Leonore auf die Kniee. Sorgfältig musste sie nun die Spuren ihrer Befreiungsarbeit vor jedermanns Augen verbergen, und als mehr denn ein Jahr vergangen war, konnte sie an die Flucht denken. Eine mondhelle Nacht hatte die mutige Leonore zur Ausführung ihres Planes ausgesucht, damit sie nicht abermals ihrem Verfolger in die Hände falle.

Mühsam zwängte sie sich durch die enge Öffnung und wollte eiligst weiterfliehen, als sie zu ihrem Entsetzen einen furchtbaren Abgrund vor sich erblickte. Kein anderer Ausweg war erreichbar; was sollte die Geängstigte beginnen? Zurück in den Kerker? Abermals sich in die Gewalt ihres Peinigers begeben? Nein, lieber zerschmettert dort unten in der Tiefe liegen! Ein kurzes Gebet um Hilfe, und Leonore begann ihre gefährliche Wanderung; sie klomm von Klippe zu Klippe; die furchtbare Angst gab ihr die Kraft, das Unmögliche zu vollbringen. Wohl waren Hände und Kniee verwundet vom scharfen Geklipp; aber die Fliehende achtete nicht der Schmerzen; – vorwärts, nur vorwärts!

Endlich war das Tal erreicht; mit Aufbietung der letzten Kräfte jagte Leonore fort, bis sie, zu Tode ermattet, vor den Toren ihrer väterlichen Burg zusammenbrach.

In die Freude der Eltern über die Rückkehr des längst totgeglaubten Kindes mischte sich der Zorn über die Untat des Ritters von Reinstein. Im Verein mit zahlreichen Verwandten und Freunden belagerten die Heimburger dessen Burg; allein trotz Aufbietung aller Kräfte war es ihnen unmöglich, das Felsennest einzunehmen. Ungerächt aber durfte die Grausamkeit des Ritters nicht bleiben; so griffen seine Feinde zur List. Die Belagerung wurde aufgehoben. Als der Reinsteiner das Abziehen der Truppe gewahrte, dem Frieden aber doch nicht recht traute, ließ er schleunigst die Bauern der Umgegend entbieten, ihm Lebensmittel zu bringen, damit, falls seine Feinde zurückkehren sollten, die Burg auf längere Zeit versorgt wäre.

Auf diesen Befehl hatten die anderen nur gewartet, und als Bauern verkleidet führten sie selbst die Wagen in den Hof. Hier angelangt, warfen sie die Kittel ab, stachen die Wachen nieder und drangen in die Burg, den gehassten Reinsteiner zu ergreifen oder zu töten. Anfangs verbarg sich dieser in einem sicheren Gewölbe; als er jedoch sah, dass alles verloren und seine Burg nicht mehr den Händen der Feinde zu entreißen sei, da dachte er an die Erhaltung des Lebens. In Betten verschnürt, ließ er sich von der steilsten Höhe des Berges hinabwinden, und da man nicht daran gedacht hatte, an diesem unwegsamen Ort Wachen aufzustellen, gelang ihm die Flucht.

So entkam der Graf von Reinstein zwar den rächenden Händen seiner Feinde; aber arm und heimatlos ist er noch lange Jahre umhergeirrt, und keiner weiß, wo der einst gefürchtete Ritter gestorben ist. Seine Burg kam in den Besitz des Geschlechts der Heimburger, und als Leonore später einen braven und tapferen Ritter heiratete, wurde ihr die Burg zum Hochzeitsgeschenk gemacht. Wo sie einst so schweres Leid erduldet hatte, lebte sie noch viele Jahre froh und glücklich.

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