Hoch oben, auf waldigem Berge erhebt sich die Ruine Scharzfels, eine mächtige, freistehende Klippenmasse, deren graues Gestein weithin schimmert über die Gipfel der Buchen. Wie majestätisch mag einst diese Burg in das liebliche Oderthal geblickt haben, als noch mächtige Türme und Zinnen über ihr ragten, als noch weite Gemächer und Hallen sich auf dem felsigen Fundament erhoben. Alles das ist der Zerstörung anheimgefallen, nur die unerschütterlichen Felsen haben der Zeit und der Vernichtung widerstanden und geben der Nachwelt ein Zeugnis von einstiger Grösse.

Solange der Scharzfels von Menschen bewohnt war, hauste auch ein Kobold in der Burg, welcher selbst die ungeheuren Felsenhallen und den zum Himmel ragenden Turm mit geheimnisvoller Macht hatte erbauen helfen. Deshalb hing auch dieses nie alternde kleine Männchen in großer Zuneigung an den gräflichen Bewohnern. Wenn denselben irgendein fröhliches Ereignis bevorstand, sah man den Kleinen in hellgrauem Gewande auf den Zinnen, Dächern und Treppen lustig umhertanzen. Drohte aber ein Unglück den Burgbewohnern, so schlich er trübe und finster durch die Gänge des Schlosses. In Zeiten der Ruhe und des Friedens kam er nicht zum Vorschein – nur in der Nacht verließ er oft seinen Schlupfwinkel, um den Mägden oder Knappen eine Arbeit abzunehmen.

Als einst aber ein großes Unglück über die Familie des Burgherrn hereinbrach, welches der Zwerg schon lange vorher durch sein Poltern und düsteres Umherschleichen angekündigt hatte, fuhr er mit gewaltigem Krach durch den Turm in die Luft hinaus, nahm das Dach des Turmes mit hinweg und schrie und klagte entsetzlich. Seit der Zeit litt der Burggeist kein Dach mehr auf dem Turme.

Aber dieser Zwerg war nicht der einzige, der in der Gegend hauste; nein, sogar eine ganze Schar des kleinen Völkchens wohnte nahe bei dem Dorfe Scharzfels in dem Gemeindeholze auf der sogenannten »Sneie«. Hier hatten sie ihre Höhle, von hier aus unternahmen sie ihre Raubzüge. Diese Zwerge, »Quärge« genannt, glichen sehr wenig dem Burggeist. Im Gegenteil, das lose Völkchen bestahl und betrog die Einwohner der Umgegend, wo es nur konnte. Selbst die Kinder, welche von den Frauen, die auf dem Felde arbeiten mussten, in der Kiepe abseits gestellt wurden, waren vor den Anfechtungen der Zwerge nicht sicher. Sie nahmen die Kleinen aus den Körben und legten statt derselben die eigenen hässlichen Kobolde hinein. Bemerkten die Mütter den Tausch sogleich und fingen heftig an zu schreien, dann kamen die Bösewichter rasch herbei, brachten die gestohlenen Kinder wieder und holten die eigenen zurück. Aber nicht immer lief es so glücklich ab, und in der Nähe von Scharzfels haben Bauersleute einmal sehr lange ein solches Zwergenkind statt des eigenen gehabt.

Zu der Edelfrau auf der Burg aber kam einst ein alter Zwerg und sagte, sie solle einmal seinen Namen erraten; wenn sie das nicht könne, würde er ihr Kind fortnehmen. Die Dame ward sehr ängstlich und bat ihn, von seinem Vorhaben abzustehen. Aber der Zwerg schüttelte den Kopf. Drei Tage gab er ihr Zeit; dreimal dürfe sie raten, sei es ihr dann nicht gelungen, so käme, was er angekündigt. Damit verschwand er. Die Edelfrau grübelte vergeblich nach; wie sollte sie auch den Namen eines fremden Zwerges erraten? Sie ward tief traurig und weinte bitterlich, wenn sie ihr Kindchen sah. Ein Tag war schon vergangen und noch einer. Der dritte neigte sich seinem Ende zu; da kam plötzlich des Kindes Amme jubelnd herbeigestürzt. Sie war die Vertraute ihrer Herrin und hatte um deren Kummer gewusst. Wie sie nun am Fuße des Burgberges entlang gegangen war, da hatte sie plötzlich einen klingenden Ton an dem Felsen vernommen. Als sie neugierig ihr Ohr an den Felsen legte, um besser horchen zu können, da hatte ein Stimmchen da drinnen ganz deutlich gesungen:

»Heute brau ich, Morgen back ich, Übermorgen bin ich Edelkind. Wie gut ist’s, dass die Edelfrau nicht weiß, Dass ich Fidlefitchen heiß’!« Als die Dame das vernahm, schrie sie laut auf vor Freude, herzte das Kind, dankte der Amme! Und als der Zwerg nachher mit seiner Frage kam, siehe, da war der Name richtig und er musste mit langer Nase wieder abziehen.

Alle Abende, wenn es dunkelte und im Dorfe die Hausbewohner sich zur Ruhe begaben, machten die Quärge sich auf, um Nahrungsmittel aller Art zu holen. Manche sorgende Hausfrau, die, sich der reichen Vorräte freuend, sie abends selbst gut verwahrt hatte, mochte wohl am nächsten Morgen den losen Dieben fluchen, wenn sie Schüsseln und Teller geleert fand. Die Zwerge nahmen alles, Fleisch, Brot, Mehl, Eier, nichts war vor ihnen sicher. Ihr Leibgericht aber waren Erbsen. Darum hausten sie auch so arg auf den Erbsenfeldern und rissen und stampften in dem Eifer, recht viele zu erlangen, die Stauden nieder. Diese Verwüstungen ihrer wohlbestellten Felder hatten die Bauern schon Jahre hindurch mit großem Kummer angesehen; aber keiner wusste Rat, die diebischen Zwerge fernzuhalten; denn die machten sich durch ihre Nebelkappen unsichtbar und konnten nicht ergriffen werden.

Da kam einem Bauern ein guter Einfall; er ließ die langen Leinen, mit welchen die Pferde beim Pflügen gelenkt wurden, über die Grenzen seiner Felder ziehen und verbarg sich mit seinen Knechten in der Nähe. Bald hörten sie das Trampeln der kleinen Schar, die sehr eilig zu laufen schien. Zu sehen war erst keine Spur von ihnen; aber mit einem Male prallten die Zwerge mit den Köpfen gegen die Leine, ihre Kappen fielen ab und sichtbar standen sie vor den Augen der Verborgenen. Rasch kamen diese mit ihren Knütteln hervor und hieben die Kleinen so jämmerlich durch, dass sie schreiend auf und davon liefen. Das haben sie den Bauern aber sehr übel genommen und waren so erzürnt, dass sie alle fortzogen. Nur einer blieb zurück und soll noch heute dort wohnen.

Später wurde viel von den zurückgelassenen Schätzen der Zwerge erzählt. Manchen trieb es, in die Höhle hinabzusteigen, um nach Gold und Edelsteinen zu suchen. Keiner hat aber die Stätte erreicht, wo die Kostbarkeiten liegen sollten; denn um dahin zu gelangen, musste man eine Brücke überschreiten, bis zu der vorzudringen außerordentlich schwer war. Das Wasser, über welches die Brücke führte, rauschte und schäumte gar gewaltig; aber auf seinem Grunde barg es köstliches Gold und an dem jenseitigen Ufer lagen wertvolle Edelsteine die Menge. Ein Jäger wagte es einst, von seinem Hunde begleitet, in die Tiefe der Höhle zu dringen und hatte sich vorgenommen, nicht eher zurückzukehren, als bis er einen Teil der Schätze gefunden habe.

Lange harrte man seiner Rückkunft, aber vergeblich; erst nach Jahren ward der Jäger und sein Hund versteinert inmitten der Höhle vorgefunden. Einmal jedoch ist ein Waldarbeiter aus Scharzfeld wirklich über die Brücke gekommen; da hat ihm der Teufel, der dort Wache hält, einen Sack voller Steine gegeben. Bis zum Ausgange hat der Mann mühsam die schwere Last weiter geschleppt. Draußen angelangt aber warf er sofort den Sack vom Rücken und schüttelte, zornig über solch wertloses Geschenk, die Steine in die Höhle zurück. Nur ein paar der kleinsten steckte er in die Tasche, um zu Hause zu zeigen, wie ihn der Teufel gefoppt. Als er dieselben später hervorzog, hatte er lauter blinkendes Gold in den Händen. So schnell es seine Beine vermochten, lief er nun zurück zur Höhle, um die fortgeworfenen Steine zu holen; aber zu spät: der Böse hatte sie alle wieder fortgenommen.

Illustration Luise Bussert, "Die schönsten Sagen aus dem Harz"