Die Sage vom Lügenstein zu Halberstadt

Illustration Luise Bussert, "Die schönsten Sagen aus dem Harz"

Lange noch bevor Burkhard II., genannt Bischof Buko zur Herrschaft kam, legte Hildegren, der erste Bischof zu Halberstadt, den Grundstein zur Domkirche auf einer Anhöhe, wo ehemals die Heiden ihre Opferaltäre errichtet hatten. Viele geschickte Arbeiter wurden herbeigerufen, und schnell schritt der Bau der Kirche vorwärts.

Als der Teufel die Grundmauern desselben sah, glaubte er, hier würde ein großes Wirtshaus errichtet! Und weil ihn das freute, schleppte er des Nachts große Felsmassen herbei und half heimlich die Mauern weiter bauen. Meister und Gesellen waren ganz verwundert, wie schnell ihre Arbeit vonstatten ging. Keiner ahnte den wahren Grund. Da, in einer Nacht, als der Bau schon ziemlich weit fortgeschritten war, trat der Teufel hinein, um sich einmal das Innere zu besehen. Aber da war kein Schankraum – voller Wut gewahrte er statt dessen die Zurüstungen zum Gewölbe und die großen Stufen zur Chortreppe.

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Jetzt erst wurde ihm klar, welchem Zwecke dieses Gebäude dienen sollte und welch dummer Teufel er wieder einmal gewesen war, an einem Bau zu helfen, in welchem die Christen sich Mut und Kraft erflehen wollten, um den Lockungen des Bösen zu widerstehen.

Als in der Frühe des nächsten Morgens die Gesellen an ihr Werk gingen, sahen sie mit Schrecken hoch oben auf dem Bau den Teufel, einen riesigen Felsblock in den Klauen haltend. »Seht,« rief er zu ihnen herab, »weil ich glaubte, Ihr bautet ein Wirtshaus, habe ich unermüdlich mit geholfen; jetzt aber, da es mir klar geworden, dass ich betrogen bin, dass meine Arbeit umsonst war, zerschmettere ich den ganzen Bau und begrabe Euch unter den Trümmern!«

Lügenstein, Geselle
Illustration Luise Bussert, „Die schönsten Sagen aus dem Harz“

Alle waren bei diesen Worten entsetzt und stumm vor Schreck, nur ein kecker Geselle trat vor und rief: »Lass ab von Deinem Vorhaben, Fürst der Hölle, und höre erst, was ich Dir sagen will. Wenn Dir’s so sehr verlangt, ein Wirtshaus hier an diesem Orte zu sehen, so wollen wir Deinen Wunsch erfüllen und dicht neben den Dom in kürzester Zeit eine Schenke bauen. Bist Du’s zufrieden?« Der Teufel war mit dem Vorschlag einverstanden.

Aber damit die Gesellen ihr Versprechen nicht vergessen sollten, schleuderte er, als Mahnung an den Vertrag, den großen Stein auf den Domplatz, wo derselbe noch heute liegt. Die Vertiefung, welche sich darin befindet, hat der glühende Daumen seiner Hand beim Tragen hineingedrückt.

Bald erhob sich denn auch neben dem Dom ein Häuschen mit mächtigen Kellern, der Domkeller genannt. Damit aber war der Wunsch des Bösen erfüllt. Der Dombau konnte ungehindert vollendet werden; er wurde am 9. November 859 im Beisein vieler Fürsten, Bischöfe und Priester eingeweiht.

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