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Menschen im Harz · Elend

Harzer Originale: Der Harzer Suppenkönig

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Harzer Originale: Der Harzer Suppenkönig

Wer je an einer von Jürgen Kurkiewiczs Feldküchen am Straßenrand halt macht, dürfte gewaltige Probleme haben, ohne die legendäre Erbsensuppe davon zu kommen. Jene Erbsensuppe, die sich »Kukki« selbst »eingebrockt« hat, löffelt eine stetig wachsende Fangemeinde von Harzurlaubern und Einheimischen nur allzu gern aus. Dabei steht der Wohnort des Oberharzers diametral in Gegensatz zum Wohlbefinden nach dem Verzehr – in Elend. Jürgen Kurkiewicz wohnt nicht da; er hat sein »Imperium« dort. Und das ausgerechnet auf jenem Stasi-Gelände, wo einst Top-Spion Günter Guillome seine Christel Lorenzen heiratete, in Anwesenheit von Markus Wolf und Stasi-Chef Mielke. Musiker Kurkiewicz rückblickend: »Ich hatte damals absolut keine Ahnung, vor wem ich im einstigen Hotel Harzhaus mit meiner Band eigentlich auftrat.« Wie auch immer: Besagtes Harzhaus sowie das Areal ringsherum erstand Kurkiewiecz 1994 von der Treuhand.

Wo also einst Wolgas und Ladas geparkt waren, geht es seit vielen Jahren wie am Fließband: Raus aus der Kanone und rein in die Büchse. Und die Tendenz ist steigend, weil die Fangemeinde allem widerstehen kann, außer der Versuchung nach Erbsensuppe. In einem Seitengebäude des einstigen Stasi-Gästehauses hat Kurkiewicz aufgerüstet, was die Grenztruppen nach dem Mauerfall so hergaben. Wo es vor Jahrzehnten noch nach Benzin und Öl roch, duftet es jetzt verführerisch aus etlichen Gulaschkanonen. Daneben stehen säckeweise unverarbeitete Erbsen und tonnenweise Büchsen: Fertig zum Abtransport bis in den hintersten Winkel der Bundesrepublik. Das Ganze beginnt nur wenige Kilometer vom einstigen Mauerstreifen entfernt, ist aber alles andere als eine Grenzerfahrung. Zwischen Braunlage in Niedersachsen und seinem Heimatort Elend in Sachsen-Anhalt steht eine seiner Gulaschkanonen – und das sogar direkt auf dem einstigen Minenfeld. Die Rede ist von der heutigen B 27. Zwar trifft man den über 70-Jährigen dort heutzutage nur noch selten an, aber die Fäden im Hintergrund zieht er immer noch selbst. Der Harzer Suppenkönig ist über die Jahre längst zum Buchhalter mutiert. Mehr will und muß sich der Rentner gar nicht mehr zumuten. Erst recht, da draußen seit Jahren der Sohn die Kelle schwingt und die Kanonen unter Dampf hält.

Geboren wurde jener Mann mit der wahrlich einzigartigen Karriere in Groß Quenstedt bei Halberstadt. Bis 1984 war er Kulturoffizier bei den Grenztruppen. Kurkiewicz: »Während meiner letzten 20 Jahre habe ich nur noch Musik gemacht.« Jene Tanz- und Unterhaltungsformation der Grenztruppen der DDR nannte sich in Anlehnung an die damaligen Weltfestspiele: »Rhythmus 10«. »Major Kukki« trat als Sänger auf, beherrschte aber auch die Gitarre. Seine Auftritte fanden in aller Regel immer in Mauernähe statt. Ansonsten tingelte der Musiker in Uniform aber auch durch FDGB-Heime oder von LPG zu LPG. Da das Repertoire nicht in jedem Fall auf Parteilinie lag und er dauerhaft das 60:40-Verhältnis zwischen Ost- und Westtiteln mißachtete, wurde er sogar zwischenzeitlich nach Ilsenburg strafversetzt. Daß er bei seinen Auftritten selbst vor politischen Witzen nicht zurückschreckte und zudem mit zwei Promille am Steuer eines Skoda »Octavia« erwischt wurde, brachte dem Mann den seinerzeit höchst zweifelhaften Titel ein, »das größte Vorkommnis der Grenztruppen« zu sein. Gleich mehrfache Auftrittsverbote folgten, so daß sich Kurkiewicz unter anderem im »Gothischen Haus« in Wernigerode entschloß, vorübergehend nur noch mit Perücke aufzutreten. Dieser Bluff funktionierte jeweils immer nur bis zum ersten Titel: »Ich hatte kaum den Mund aufgemacht, da wußten die meisten im Saal schon, wer ich war.« – Abgesehen davon kam Kurkiewicz unterdessen auch altersmäßig fast schon für die Reserve infrage. So wurde ihm 1984 nahegelegt, aus der Armee »freiwillig auszuscheiden«. Begründung, wie so oft in solchen Fällen: Man »könne nicht länger die schützenden Hände über ihn halten«. Das Erste, was Zivilist Kurkiewicz draußen auf die Beine stellte, war seine neue Band »Galaxis«. 1986 heftet man ihm wegen anhaltenden Erfolgs den »Aktivist der sozialistischen Arbeit« ans Revers. Da er aber nicht Musik studiert hatte, blieb ihm seinerzeit der Einstieg als Berufsmusiker verwehrt. Das jedoch hinderte ihn nicht daran, dann und wann sogar beim Harzer Jodlerwettstreit in Altenbrak aufzutreten.

Foto: Rainer Marschel, aus „Originale aus dem Harz“
Foto: Rainer Marschel, aus „Originale aus dem Harz“
Foto: Rainer Marschel, aus „Originale aus dem Harz“
Foto: Rainer Marschel, aus „Originale aus dem Harz“

Eine alternative Laufbahn als Taxifahrer in Wendezeiten erwies sich als Präludium für Größeres: 1990 baute Kurkiewicz am Schwimmbad in Elend einen Kiosk zur »Waldbadschänke« aus, ein Jahr später wurde an gleicher Stelle Rosenmontag gefeiert. Nachdem der Macher einige Gäste nach Braunlage gebracht hatte, kollidiert er auf der Rückfahrt mit einem kapitalen Hirsch. Dieser landet wenige Tage später in einer für eine Trophäenschau ausgeborgten Gulaschkanone. Diese wurde ihm spontan zum Kauf angeboten – Kurkiewicz griff sofort zu: »Ich hatte ja damals auch keine Ahnung von so einem Unikum.« Kukkis Hirschgulasch soll bei den Waidmännern jedenfalls bestens angekommen sein. Diese rieten ihm jedoch zugleich, das Kochen in der Gulaschkanone doch noch irgendwie zu erweitern. Am Stammtisch kam wenig später die Idee auf, die Gulaschkanone an einem geeigneten Platz an der Landstraße bei Elend zu betreiben. Damals reichten noch ein paar Büchsen Suppenpulver aus dem Supermarkt – die Leute schienen nach Kukkis Erinnerung zufrieden damit. Dennoch wollte Kurkiewicz lieber sein eigenes Süppchen kochen – im Frühjahr 1991 lag die Idee mit der Erbsensuppe nicht mehr allzu fern. Die ersten Erbsen ließ er sich noch von der Agrargenossenschaft aus Groß Quenstedt anliefern. Ein 0815-Partyzelt über der Gulaschkanone schützte die anfänglich wenigen Gäste vor Regen und Schnee und zugleich die Suppe vor unfreiwilliger Verwässerung. Doch schützte es nicht vor der Unwissenheit über deren fachgerechten Betrieb: Kukki vergaß irgendwann, das Wasser für das Kochbad gegen das Anbrennen unter dem Kessel nachzufüllen. So war die erste eigene Gulaschkanone schneller im Eimer, als es deren neuem Besitzer lieb sein konnte. »Ein klassischer Rohrkrepierer!« Wieder einmal erwiesen sich weitreichende Kontakte als außergewöhnlich nützlich. Ehemalige Offiziere der Grenze gaben dem einstigen Parteigenossen den entscheidenden Tip. Danach war nahezu der komplette ehemalige Fahrzeugpark von NVA und Grenztruppen auf einem alten Hubschrauberlandeplatz bei Nordhausen deponiert worden. Kurkiewicz erwarb drei Gulaschkanonen, noch einmal so viele ELOs der Marke »Robur«. Als er damit an seiner Waldbadschänke vorfuhr, war das Entsetzen der Einheimischen groß: »Die haben doch glatt gedacht, daß ich die Grenztruppen hier wieder aufbaue!«

Erste Fernreisen führen den in die Jahre gekommenen »Jung-Unternehmer« kurz nach der Wende auf die Kanaren, danach zu einem abenteuerlichen Dschungel-Trip nach Honduras. Dort lernt das Ehepaar Kurkiewicz einen vermögenden US-Amerikaner kennen, der sie später nach Florida, Los Angeles und Palm Springs in seine Hotels einlud. Beim gemeinsamen Dinner kam der Oberharzer auf sein Tagesgeschäft, Erbsensuppe aus der Gulaschkanone, zu sprechen. Auch die mitgebrachten Fotos begeisterten den Hotelier aus Übersee dermaßen, daß er am liebsten eine stetige Lieferung von solchen Büchsen aus dem Harz vereinbart hätte. Beseelt von der Idee, über den großen Teich bis in die Staaten zu liefern, wurde der Offizier im Unruhestand bei der Hygiene in Wernigerode vorstellig. Dort wurde sein Ansinnen mit Kopfschütteln und dem Satz quittiert: »Also, Herr Kurkiewicz, wir können nur staunen, auf was für Ideen sie kommen.« Aber wie man damit umgehen solle, wisse man nicht so recht, habe davon schlichtweg keine Ahnung. Anschließend wurde eine Firma in Seesen empfohlen, die sich angeblich mit der Produktion von Nahrungsmitteln in Büchsen bestens auskenne. Kurkiewicz gibt wieder, wie dort reagiert wurde: »Erbsensuppe aus der Gulaschkanone und dann in Büchsen? Ich glaub’, sie haben ein Rad ab!«

Zu einer Zusammenarbeit ist es erst später mit einer Firma aus Holzminden gekommen. Von dort kam außer dem Geschäftsführer auch die erste Büchsenmaschine nach Elend. Anfänglich ließen sich damit knapp über 100 Dosen mit Erbsensuppe produzieren. Längst ist diese erste Maschine durch mehrere modernere ersetzt worden. Heute produziert der Harzer Suppenkönig mit seinen zehn Angestellten pro Jahr bis zu 150.000 Dosen.

Foto: Rainer Marschel, aus „Originale aus dem Harz“
Foto: Rainer Marschel, aus „Originale aus dem Harz“

Damals zeigte sich der MDR auf eine Äußerung Kukkis hin verblüfft, daß er demnächst keine Zeit für mediale Kontakte habe, weil er auf Geschäftsreise in den USA weile. Begründung: Er wolle dort die ersten 30 seiner Erbsen-Büchsen probehalber verkaufen. Während einer Zwischenstation bot Kurkiewicz in Honduras Einheimischen sein Produkt an. Da waren es für den Weiterflug in die Vereinigten Staaten nur noch 26 Büchsen. Diese landeten letztlich bei einem ebenso davon begeisterten deutschen Spezialitätenhändler in Los Angeles. Nach Deutschland zurückgekehrt, erwies sich der Sachsen-Anhalter während einer neuerlichen MDR-Recherche als wahrer Lügenbaron: So gab er allen Ernstes an, 60.000 Erbsensuppenbüchsen soeben vertragsgemäß in die USA geschickt zu haben. Prompt ging diese Information über alle einschlägigen regionalen TV- und Radiosender. Danach vergingen keine zwei Wochen, bis sich in gleicher Angelegenheit auch das ZDF meldete: »Herr Kurkiewicz, sie liefern 60.000 Erbsensuppenbüchsen in die USA?« Das Schlitzohr ritt der Teufel und er dementierte nicht. Auf diese Weise gilt bis heute als eine der sich am hartnäckigsten haltenden Falschmeldungen in der Region, daß der Harzer Suppenkönig seit Jahren den US-Markt mit Erbsensuppe überschwemme. Eine »Überschwemmung« mit sage und schreibe 26 Büchsen, die Nordamerika jemals aus dem Oberharz erreichten! Selbst das ZDF war später auf diesen Bluff reingefallen, obwohl man bis hin zum vermeintlichen Abnehmer in den USA, Mr. Dansinger, recherchierte. Nach vorherigen Absprachen mit Kurkiewicz bestätigte der Amerikaner prompt die angeblich vertraglich vereinbarte Lieferung von 60.000 Büchsen. Die Fotomontage mit Kurkiewicz und seinen Büchsen auf dem Broadway machte die Sache auch optisch perfekt. Ein wahrer PR-Coup des Harzers, der dem Mann bundesweiten Bekanntheitsgrad verschaffte. Kurkiewicz amüsiert sich noch heute darüber: »Je größer die Lüge, desto höher die Glaubwürdigkeit!« Erst später hätte es tatsächlich regelmäßige Lieferungen geben sollen. Lediglich die strengen US-amerikanischen Einfuhrbeschränkungen, verbunden mit enorm hohen bürokratischen Hürden, sollten das Projekt endgültig scheitern lassen.

Doch aktuell plagen den Suppenkoch ganz andere Probleme. In Deutschland werden seit Jahren kaum noch Erbsen angebaut, weil lediglich Raps und Mais subventioniert werden. Lieferungen aus dem nahen Harsleben blieben aus. Die Alternative eines großen Gelsenkirchener Unternehmens mit Ware aus Frankreich konnte die bisherige Qualität nicht garantieren. Ähnlich verhielt es sich mit Erbsen aus China. Die brachten das Ergebnis, daß selbst vier Stunden statt der üblichen zwei in den Gulaschkanonen nicht ausreichten, die Erbsen irgendwie weich zu bekommen. Erst in jüngster Zeit kann der Mann mit dem Lederhut wieder auf französische Erbsen in der früher üblichen Qualität zurückgreifen – Kochzeit nun nur noch 1,5 Stunden. Pro Jahr verfeuert Elends Erbsenmacher bis zu 250 Festmeter Holz. Täglich wird bis zu eine Tonne Suppe zusammengerührt. Mitunter muß bei großer Nachfrage sogar nachgeliefert werden: »Ich könnte die Stände auch gar nicht so einfach schließen. Es gibt ja sogar Leute von sonstwoher, die deswegen extra über den Harz fahren.« Längst gibt es auch eine Internetseite. Bei Online-Bestellungen besonders auffallend ist die vergleichsweise hohe Auftragsrate aus Bayern. Aber selbst auf österreichischen, spanischen und schweizer Tischen landet die »elendige« Erbsensuppe in schöner Regelmäßigkeit. Auf die Frage, ob sich das irgendwie noch steigern lasse, winkt der Suppenkönig ab: »Also nun reicht es. Noch mehr wollen wir nicht. Wir sind doch kein Großunternehmen. Ich hätte mir die jetzige Situation niemals träumen lassen.« – Aber wie das so ist: Wer je an einer von Kukkis Feldküchen am Straßenrand halt macht, kommt wohl ohne die legendäre Erbsensuppe nicht davon.

Foto: Rainer Marschel, aus „Originale aus dem Harz“
Foto: Rainer Marschel, aus „Originale aus dem Harz“

Aus dem Buch: Originale aus dem Harz, S. 58–65: „Mein eigenes Süppchen kochen“

Buch: Originale aus dem Harz

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Originale aus dem Harz

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