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Wissen

Rebe und Wein

  • 3 Min. Lesezeit
  • Buch S. 145

Friedrich Hebbel meinte, Wein sei die edelste Verkörperung des Naturgeistes, gewonnen aus den süßen Trauben des Weinstocks. Diese eignen sich für süße Speisen und sind auch eine exquisite Ergänzung zu Pikantem.

Unter den Obstarten zählen Trauben zu den Süßspezialisten. Im Gegensatz zu anderen Früchten reifen Trauben nicht nach, sie werden also geerntet, wenn sie voll ausgereift sind.

Wer genießen kann, trinkt keinen Wein mehr, sondern kostet Geheimnisse.

Salvador Dali

Wein ist ein Kulturgut, das im Abendland seit über 2000 Jahren gepflegt wird. Das mittelalterliche Erbe verdanken wir den Zisterziensermönchen aus Burgund, die Europa mit hunderten Abteien ihres Ordens überzogen und überall da, wo es möglich war, Weinberge anlegten. Sie verbreiteten so auch ihre burgundische Rebsorte Pinot noir.

Die Rebe muss immer »erzogen« werden, an Pfählen oder Drahtrahmen, man kann sie nicht sich selbst überlassen. Erforderlich sind auch Rebschnitt und Bodenbearbeitung. Die Kultur, die die Natur voraussetzt, vollendet sie. Der Rebenschnitt steht auch symbolisch für den göttlichen Winzer, so heißt es bei Joh. 15,2: »Jede Rebe, die keine Frucht bringt, schneidet er ab, und jede Rebe, die Frucht bringt, reinigt er, damit sie mehr Frucht bringt«.

Der Wein hat immer unterschiedliche Funktionen in der Gesellschaft, Religion, Medizin, Literatur und Musik erfüllt. »Der Wein ist unter den Getränken das nützlichste, unter den Arzneimitteln das süßeste.« (Plutarch) Er ist ein

Geschenk der Sonne, der Erde und der Kunst des Menschen, ein Meisterwerk menschlicher Sensibilität.

Wer den Wein genießen will, muss sich also gedulden. Unrast und Eile verträgt der Wein nicht: Bevor wir ihn maßvoll genießen, will er angesehen und gerochen sein.

Über Jahrhunderte ist er zu der Fülle heutiger Weinvarianten entwickelt worden – ein komplizierter, aber fröhlicher Geselle, der mit Zeremonie getrunken werden will, denn auch das Trinken ist eine Kunst. Seine vielen Aromastoffe machen es möglich, den Boden, die Traubensorte, die Sonneneinwirkung, den Jahrgang und spezielle Wachstumsbedingungen herauszuschmecken. Duftig, blumig, würzig, fruchtig und edel sind Vokabeln der Weinsprache.

Hermann Mostar reimte dazu:

Bis in das 17. Jahrhundert haben rings um den Harz Weinberge bestanden. Herzöge, Grafen, Bischöfe und Klöster hatten ihre eigenen Weinmeister. Auch die Städte beschäftigten Kellermeister.

Der Wein im Harz jedoch wird wegen des rauhen Klimas kaum die nötige Reife besessen haben. Literarischen Ruhm hat der Harzwein nicht ernten können. In einem Frühdruck von 1549 war zu lesen: »Der Wein ist theur und seltsam bey inen, aber bier sauffer seind es…« Bei festlichen Gelegenheiten wurde Wein in Adelskreisen getrunken und zum kirchlichen Gebrauch benötigt, aber ein Volksgetränk war er damals nicht.

Das einzige Harzer Weingut Kirmann in Westerhausen – ein kleines Familienunternehmen – gehört zum Anbaugebiet Saale-Unstrut. Die Einzellage »Westerhäuser Königstein« umfasst die Flächen an der sonnigen Südseite des Königsteins, des Kamelfelsens, den Lästerberg sowie den Bornholz-Weinberg in Quedlinburg.

1995 ist der väterliche Hof des Winzers Kirmann zum Weingut mit Kellerei umgebaut worden und längst kein

Geheimtip mehr. Mit Leib und Seele wird das Handwerk betrieben.

Das geschützte milde Klima, der lehmige Boden mit hohem Steinanteil und der gewollte niedrige Ertrag bringen mit Hilfe der Kunst des Winzers unverwechselbare Weine hervor. Aber alle Zusammenhänge zwischen Klima, Geologie, Rebsorte, dem Holz der Fässer und dem exakten Moment, auf den es dem Rebhüter bei der Arbeit ankommt, lassen sich nicht benennen, ein Stück Geheimnis bleibt.

Wenn wir den Wein recht gebrauchen, lernen wir zu feiern, zu teilen und ihn und das Leben zu genießen. Denn auch Hildegard von Bingen sprach aus Erfahrung: »Der Wein heilt und erfreut den Menschen mit seiner wohlwollenden Wirkung und großen Kraft.«

Dem Weinstock werden die Reben im Herbst so furchtbar schwer, und um zu überleben, gibt er sie einfach wieder her.

Konstantin Wecker