Originale aus dem Harz: Der Waldschrat

Bis Anfang der 70er Jahre des vorigen Jahrhunderts konnte man sie auch im Harz noch vereinzelt antreffen: die tuckernden Bandsägen, die nur mit hörbarer Mühe die steilen Berge erklommen. Doch deren eigentliche Bestimmung bestand ja auch keineswegs aus dem Fahren. Das war nur Mittel zum Zweck. Mangels Baumärkten waren Besitzer von Bandsägen überall stets hochwillkommen, wenn es darum ging, sich das Holz für den heimischen Ofen klein schneiden zu lassen – und das alles für ein paar Alu-Pimperlinge. Kettensägen gab es indessen nur für Forstleute. Irgendwann verschwanden aber mit der untergeganenen DDR auch die Uralt-Verdampfer aus dem Straßenbild und gerieten so nach und nach in Vergessenheit.

Längst sind funktionierende Bandsägen daher zu echten Raritäten für passionierte Sammler und Schrauber geworden. Heutzutage wird man zwischen Osterode und Thale, Nordhausen und Bad Harzburg lange nach solchen rollenden Sägewerken suchen müssen. In Zilly stehen gleich zwei, die aber beide nicht mehr funktionstüchtig sind, geschweige denn sich noch zum Sägen eignen würden.

Um so überraschter ist man, auf dem Hof des Elbingeröders Karsten Böhme noch auf ein Exemplar, Baujahr 1927, zu stoßen, welches von ihm in nur zwei Jahren aufs Feinste restauriert wurde. »Ich wollte schon immer etwas Außergewöhnliches haben, bis mir ein Freund von einer Bandsäge auf der anderen Seite des Harzes erzählte. Ich wußte damals noch nicht mal so genau, was das eigentlich sein soll.« Dabei schien das Schicksal gerade dieser Bandsäge eigentlich schon vor Jahrzehnten besiegelt. In Steina, einem Ortsteil von Bad Sachsa, gammelte sie 20 Jahre unter freiem Himmel vor sich hin, bis irgendwann die Brennnesseln aus dem löchrigen Blechdach herauswuchsen. Ausgesägt und ausgedient.

Doch jener Mann mit dem Vollbart, der »Waldschrat« oder »Holz-Michl« nach eigenem Bekunden für die treffendsten Beschreibungen seiner Person hält, hat ein kleines Wunder vollbracht. Gab es doch seinerzeit niemanden, der angesichts des kläglichen Schrotthaufens nicht die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen hätte. Böhmes Ehefrau Nicole zuallererst. Auch der mit dem Abtransport beauftragte Fuhrunternehmer quittierte das rostende Elend lediglich mit einem vielsagenden Kopfschütteln: Da hätte sich ja nicht mal die Anreise über den Harz gelohnt! Und dafür auch noch Geld ausgeben? Der Spediteur verweigerte sich zunächst komplett und wollte am liebsten unverrichteter Dinge wieder nach Hause fahren. Mit Hängen und Würgen konnte ihn der Enthusiast Böhme vom Gegenteil und letztlich mit einem Kasten Bier überzeugen: »Roste es, was es wolle…«.

Das Ergebnis dieser Überredungskunst und monatelanger Friemelei ist ein funktionsfähiger Oldtimer aus den Händen der Firma Hans Rode aus Kassel. Im übrigen mit verblüffend genialer Technik und noch dazu von hohem Nutzwert – wenn »Mann« ihn denn benutzen wollte. Aber Böhme weiß sein Schmuckstück zu sehr zu schätzen. Ist er doch selbst Forstarbeiter, der sich heute natürlich ganz anderer Technik bedienen kann. Für manche Dinge ist es vermutlich das Beste, sie restauriert zu haben und einfach nur zu besitzen. Der originale und völlig heruntergekommene Zwei-Zylinder-Motor von Güldner hatte sich wegen zu erwartender Kosten von mehreren Tausend Euro zwar nicht ersetzen lassen. Dafür sorgt jetzt ein Ein-Zylinder-Motor von Deutz mit 16 PS für den Antrieb. Am meisten überrascht war Böhme vom Innenleben des Getriebes: »Darin sah alles aus wie frisch aus dem Werk!« Das benötige ja auch kein Öl, so der Experte: »Das freut sich, wenn ich mal mit einer Fettpresse vorbeikomme.«

So gibt es nur ein oder zwei Gelegenheiten pro Jahr, in denen die Bandsäge auf einer Oldtimer-Ausstellung in der Harz-Region öffentlich präsentiert wird. Theoretisch könnte sie auch selbst nach Hüttenrode oder Wasserleben fahren. Aber mit der Spitzengeschwindigkeit von 5 km/h müßte Böhme unterwegs auch noch eine Übernachtung buchen. So wurde das gute Stück gar nicht erst polizeilich zugelassen und wird im Falle eines Falles eben auf einen Hänger verladen. Ab und an hätten schon mal Interessenten bei ihm in Elbingerode vor der Tür gestanden. Die werden dann stets mit der gleichen Not-Lüge abgeschreckt: »Die Bandsäge ist unverkäuflich, weil schon seit hundert Jahren in Familienbesitz …«