Der Wernigeröder »Brocken-Benno« läuft nahezu täglich auf den Harzgipfel. Zu seinem 80. Geburtstag am 22. Mai 2012 hat er seinen 6.666. Aufstieg bewältigt. Unterdessen peilt der ewig Rastlose allen Ernstes sogar die 8.000 Aufstiege an. »Man muß ja die verlorenen 28 Jahre auch irgendwie nachholen«, erinnert der Extrem-Wanderer an die 1989 erzwungene Wiederöffnung des höchsten Harzgipfels.

Und so gibt es nur einen Harzwanderer, den man am besten mit dem Satz: »Sag mal ‘ne Zahl!« begrüßt. Brocken-Benno wird es nicht übelnehmen, im Gegenteil! Wie aus der Pistole geschossen wird er dann mit irgendeiner vierstelligen Nummer verblüffen. Und die wächst stetig. Das muß eigentlich auch nicht verwundern. Werden doch seine Brocken-Aufstiege akribisch genau numeriert und auf dem Gipfel per Stempel regi-striert. Auf das, was er da macht, reagiert die Öffentlichkeit ganz unterschiedlich: Mal mit Bewunderung, mal mit ungläubigem Kopfschütteln, ein anderes Mal mit Neid oder sogar mit bösartigen Unterstellungen des Selbstbetrugs. Und in der Tat scheint der Brockenwanderer mit den permanent neuen Superlativen auch auf dem schmalen Grat zwischen Genie und Wahnsinn unterwegs zu sein.

Für den Fall eines der mittlerweile seltener gewordenen nächtlichen Aufstiege hängt er, am Brocken angekommen, seine Visitenkarte an die Türklinke der Bahnhofsgaststätte: »Seht her, ich war wieder da und hole mir den Aufstiegs-Stempel dann eben morgen ab.« Ob dabei Windstärke Zwölf herrscht, was auf Goethes Blocksberg nun wahrlich keine Seltenheit ist, oder gerade wieder anderthalb Meter Neuschnee gefallen sind und der Rentner knietief in der weißen Pracht versinkt, ob es wie aus Gießkannen schüttet oder man die Hand wegen extremen Nebels nicht mehr vor Augen sieht – Brocken-Benno läßt sich von solchen Wetterkapriolen keinesfalls abschrecken.

Der Brocken ist der einzig wahre Gipfel und ein  mystischer noch dazu.

Auch als sich die Unwetterwarnungen vor dem Orkan »Kyrill« auf allen Radiokanälen überschlagen, zieht der Rentner mutterseelenallein, aber doch furchtlos auf den Harzgipfel. Als sich die Fichten um ihn herum mehr und mehr in die Waagerechte begeben oder gar gewaltsam vor und hinter ihm aus der Erde gerissen werden und den Wanderweg versperren, läuft er trotzdem weiter. Wohl wissend, daß das, was er gerade macht, eigentlich lebensgefährlich ist. Zu diesem Zeitpunkt ist das gesamte Brockenpersonal aus Sicherheitsgründen längst evakuiert. Einem Uhrwerk gleich und beinahe immer wieder auf exakt demselben Weg von Schierke über‘s Eckerloch geht es auch an diesem Tag hinauf auf den 1.142 Meter hohen Brocken.

Daß sein Regencape dabei seiner eigentlichen Funktion beraubt wird, weil es der darunter pfeifende Sturm senkrecht über seinem Kopf aufstellt, erwähnt Benno nur am Rande. Gesehen hätte er damals ohnehin nichts und pitschnaß war er auch.

»Ich halte mich trotzdem für keinen Katastrophentouristen. An solchen Tagen verzichte ich ganz bewußt darauf, etwa auf allen Vieren über die Brockenkuppe zu krabbeln! Es gibt genug Leute, die selbst davor keinerlei Skrupel haben.« 24 Stunden später wurde ihm beim nächsten Aufstieg das ganze Ausmaß der Verwüstung offenbar. Sein üblicher Weg war von insgesamt elf umgestürzten Bäumen blockiert. Die verheerenden Folgen von »Kyrill« sind rund um den Gipfel noch bis heute für jeden leicht auszumachen.

Den Umgang mit Kameras und Journalisten ist Brocken-Benno längst gewöhnt. Zeitungsartikel von Gazetten aus allen Ecken Deutschlands und der Welt beanspruchen Platz in mehreren prall gefüllten Aktenordnern. Fotos mit Politikern aller Coleur oder auch irgendwie Seelenverwandten wie Extrembergsteiger Reinhold Messner oder Tierfilmer Andreas Kieling prangen gleich dutzendfach an seinen Wohnzimmerwänden. Mal ganz abgesehen von der Anzahl jener Bilder, auf denen sich Touristen mit dem Besessenen für ihre privaten Alben ablichten lassen. Sie dürften locker in die Zehntausende gehen. Längst ist er auch schon von dem einen oder anderen Schweizer, Österreicher oder Holländer auf einem seiner Harztrips erkannt und angesprochen worden. Keine Frage: Eine gemeinsame Gipfelbesteigung mit Benno gleicht einem, dem Protagonisten durchaus schmeichelhaften, Fotoshooting. Sind doch solche Stops für den unverbesserlichen »Brocken-Fanatiker« stets eine gute Gelegenheit, auf seine Homepage hinzuweisen. Immerhin zählt ja auch dort jeder Mausklick.

Bei Benno bleibt nichts unregistriert oder gar unbeachtet. Läßt er sich doch nur zu gern in ein Gespräch verwickeln, um seine Visiten- oder auch Autogrammkarten unters restliche Wandervolk zu bringen. Selten, daß jemand nichts mit seinem Gesicht anzufangen wüßte und ihn deshalb ignoriert. Einfach zu häufig flimmert der Unermüdliche über die Mattscheiben zwischen Garmisch, Gernrode und Greifswald.

Bis zu fünfmal an nur einem Tag auf den Gipfel!

Benno ist extrem und die Medien brauchen Extreme. Das ist eine Symbiose, von der beide gleichermaßen profitieren – und das sicher auch noch während der nächsten 3.000 Aufstiege – so er sie denn bewältigt. Denn gern spricht er darüber nicht, daß ihm eines Tages die Beine den Dienst versagen könnten. Aber geliebäugelt wird mit dem 10.000. Aufstieg sehr wohl. Das wäre in der Tat die Krönung für den Wernigeröder und für ihn wahrscheinlich sehr viel mehr Wert als sein vierter Eintrag ins Guiness-Buch der Rekorde.